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Kermesit


Formel: Sb2S2O, triklin

Typlokalität: Bräunsdorf, Sachsen

Erstbeschreibung:
J.G. Wallerius (1747): Mineralogia, eller Mineralriket.- Stockholm, p. 239
     (Fundort nur allgemein Deutschland)
A. von Cronstedt (1758): Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning.- Stockholm
     (von Bräunsdorf, Sachsen)





Kermesit-Kristalle. Grube Neue Hoffnung Gottes, Bräunsdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen, Deutschland. Bildbreite 2,5 cm. Sammlung und Foto Thomas Witzke.


 
           Die ersten Beschreibungen

Das Mineral wurde erstmals von Johan Gottschalk WALLERIUS 1747 kurz beschrieben. Er hielt es für ein Antimon-Schwefel-Arsen-Mineral. Der Arsengehalt wurde offenbar auf Grund der roten Farbe vermutet, da das Schwefel-Arsen-Mineral Realgar auch eine rote Farbe aufweist. Carl von LINNÉ zitiert 1748 WALLERIUS in seinem Systema Naturae:
"STIBIUM rubrum. roth Spießglaserz.
Antimonium sulphure & arsenico mineralisatum rubrum. W. 239.
Locus: Germania."
Das "W" steht für WALLERIUS. Die Fundorte, soweit sie nicht in Schweden liegen, sind hier generell nur sehr allgemein angegeben. Das Hauptinteresse von WALLERIUS galt der Systematik der Minerale und den Vorkommen in Schweden. Diese Systematik hat wohl Carl von LINNÉ dazu bewogen, seine ab 1735 im "Systema Naturae" entwickelte binomiale Taxonomie der Pflanzen und Tiere auch auf das Mineralreich auszudehnen. In einer Auflage von 1748 und dann wieder ab 1770 behandelte er deshalb auch die Minerale (im weiteren Sinn) und damit das komplette Naturreich. Eigene Untersuchungen führte LINNÉ jedoch nicht aus, der Teil zu den Mineralen von 1748 basiert nahezu komplett auf der ein Jahr vorher erschienenen Veröffentlichung von WALLERIUS.

Ausführlicher beschreibt Axel von CRONSTEDT 1758 das Mineral in seiner Schrift "Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning" und konkretisiert hier auch das Vorkommen. Das Werk erschien anonym, erst durch die Übersetzung von WIEDEMANN 1760 wurde der Autor bekannt. Eine zweite Übersetzung erschien mit einigen Ergänzungen von M. Th. BRÜNNICH 1770. Danach schreibt CRONSTEDT im Kapitel "Spiesglas. Antimonium. Stibium", also zum Antimon und seinen Verbindungen:
"Mineralisirt. [gemeint sind damit Verbindungen mit anderen Elementen - T.W.] [...]
2. Durch Schwefel und Arsenik. Antimonium auripigmento mineralisatum. Rothes Spiesglaserz. Antimonium solare
Hat eine rothe Farbe, und ist dem Gewebe nach dem vorigen gleich, doch nicht so grobstrahlig.
1) Mit feinen Fasern.
2) Aehrenähnlich. Braunsdorf in Sachsen. Ungarn. (In Ungarn weis niemand etwas davon, ich habe es allein zu Braunsdorf angetroffen. Daher wird auch von einigen, die es nicht gesehen, sein Daseyn geläugnet. B.)"
Die Ergänzungen zur Übersetzung von CRONSTEDTs Text hat BRÜNNICH in Klammern gesetzt und durch "B." gekennzeichnet.

WALLERIUS selber präzisiert seine Fundortangabe in dem Werk "Systema mineralogicum" von 1778 noch etwas:
"ANTIMONIUM sulphure & arsenico mineralisatum, rubrum. MINERA ANTIMONII COLORATA. Spec. 306.
Stibium mineralisatum fibrosum rubrum. v. LINNé 124.4.
Antimonium auripigmento mineralisatum. CRONSTEDT 235.
Sveth. RÖD SPITSSGLASMALM
Gall. MINE D'ANTIMOINE COLORée. v. DE BOMARE. 252.
Germ. ROTHES SPIESSGLASERZ
Est minera laminis aut striis constans, ab admixto arsenico, rubra de cætero antimonio & sulphure composita. [...] Reperiuntur hæ varietates in Hungaria & Saxonia."
Bis fast zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Grube "Neue Hoffnung Gottes" in Bräunsdorf die einzige bekannte Fundstelle des Minerals in Sachsen und in ganz Deutschland. Man kann vermuten, dass mit dem Vorkommen in "Ungarn" Pernek und/oder Pezinok (damals Büsing) bei Bratislava gemeint ist. Die Region gehörte früher zu Ungarn und liegt heute in der Slowakischen Republik.

           Viele neue Namen und weitere Untersuchungen

SAGE nennt 1779 das Mineral "Mine d'Antimoine en plumes = Kermes mineral natif". "Kermes" ist ein alter alchemistischer Begriff und leitet sich vom persischen "qurmizq" oder arabischen "al-qirmiz" für die rote, aus Insekten gewonnene Farbe ab. Das künstliche Material bezeichnet ein rotes Antimonsulfid (oder je nach Herstellungsverfahren auch Antimonoxysulfid), dass für alchemistische Zwecke und in der Medizin verwendet wurde.

Ludwig August EMMERLING führt in seinem Lehrbuch der Mineralogie von 1796 als Synonyme für das "Rothspiesglaserz" die Bezeichnungen "Rother Federspiesglas, natürlicher Goldschwefel, natürlicher Kermes" an. René-Just HAÜY (1801) benennt das Mineral "Antimoine hydrosulfuré", da nach BERTHOLET der Kermes eine Verbindung von Antimonoxid, Schwefel und Wasserstoff sei.
Nur wenig später führte Martin Heinrich KLAPROTH (1802) die erste quantitative chemische Analyse an "faserigem Rothspiessglanzerz" von der Grube Neue Hoffnung Gottes in Bräunsdorf durch. Er zeigte, dass das Mineral keinen Wasserstoff enthält und aus Antimon, Schwefel und Sauerstoff besteht:
"Das faserige Roth-Spiessglanzerz kömmt zu Bräunsdorf in Sachsen, in der Grube Neue Hoffnung Gottes, auf grauem Quarze vor; gewöhnlich mit Grau-Spiessglanzerze, zu Zeiten auch mit einzelnen Krystallen des Weiss-Spiessglanzerzes, begleitet.
Es erscheint unter der ihm eigenen kirsch- und mordorérothen Farbe, woher es auch seinen Namen natürlicher Mineral-Kermes erhalten hat. Zum Theil findet es sich mit bunt angelaufenen Oberflächen. Es bildet zarte haar- und nadelförmige Krystalle, die theils einzeln gewachsen, theils büschelförmig zusammengehäuft sind. Es ist glänzend, von Seidenglanz, und undurchsichtig.
Das eigenthümliche Gewicht, dessen genaue Bestimmung einige Vorsicht erfordert, da die, an das lockere Haufwerk der zarten Nadeln sich anhäufenden, Luftbläschen sich nur mit Mühe entfernen lassen, fand ich: 4,090."
Nach diversen chemischen Untersuchungen erkannte KLAPROTH:
"Vom geschwefelten Wasserstoffgas war durchaus keine Spur vorgekommen. Dieser Erfolg stimmte ganz mit meinem Urtheil überein, nach welchem in den, bei Auflösung des Roth-Spiessglanzerzes auf nassem Wege sich entwickelnden geschwefelten Wasserstoff blos als ein erst während der Auflösung sich erzeugendes Product betrachte; so wie mir überhaupt noch kein directer Beweis von der Gegenwart des Wasserstoffs in irgend einer anderweitigen natürlichen schwefelsauren Vererzung, oder vom Daseyn eines natürlichen metallischen Hydrosulfure bekannt ist.
Das Roth-Spiessglanzerz halte ich daher vom Grau-Spiessglanzerze blos darin unterschieden, dass im erstern das Metall mit Sauerstoff verbunden ist; wogegen im letztern das Spiessglanz dem reinen metallischen Zustande näher kömmt."
Bei Johann Friedrich Ludwig HAUSMANN (1813) findet sich das Mineral als "Spiessglanzblende", Carl Caesar von LEONHARD (1821) wählte die Bezeichnung "Antimonblende". HAÜY änderte 1822 auf Grund von KLAPROTHs Analyse den Namen in "Antimoine oxydé sulfuré". Friedrich MOHS wählte 1824 die Bezeichnung "prismatische Purpurblende" und bestimmte die Symmetrie an Kristallen von Bräunsdorf als monoklin.
Eine genaue quantitative chemische Analyse führte Heinrich ROSE 1825 durch. Seine Ergebnisse entsprechen sehr gut der theoretischen Zusammensetzung für das Mineral. Ernst Friedrich GLOCKER wählte 1831 den Namen "Pyrantimonit". BEUDANT nennt das Mineral 1832 einfach nur "Kermes", CHAPMAN änderte ihn 1843 in den heute gebräuchlichen Namen "Kermesit". Bedeutungslos ist GLOCKERs Bezeichnung "Pyrostibit (Pyrostibites eutomus, Eutomer Pyrostibit)" geblieben.



Literatur:
BEUDANT, F.S. (1832): Traité élémentaire de Minéralogie, 2. Aufl., p. 617

BRÜNNICH, (1770): Cronstedts Versuch einer Mineralogie. Vermehret durch Brünnich.- Copenhagen und Leipzig, C.G. Probst und Rothens Erben, p. 246

CRONSTEDT, A. von [das Buch ist anonym ohne Verfasserangabe erschienen] (1758): Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning.- Stockholm

EMMERLING, L.A. (1796): Lehrbuch der Mineralogie, Zweyter Theil.- p. 477 (nach HINTZE, 1904)

GLOCKER, E.F. (1831): Handbuch der Mineralogie.- Nürnberg, bey Johann Leonhard Schrag, p. 392-393 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

GLOCKER, E.F. (1847): Generum et Specierum Mineralium Secundum Ordines Naturales digestorum Synopsis.- Halle, p. 16 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

HAUSMANN, J.F.L. (1813): Spiessglanzblende.- Handbuch der Mineralogie, Göttingen

HAÜY, R.-J. (1801): Traite de mineralogie, 4. Bd., p. 276 (nach HINTZE, 1904)

HAÜY, R.-J. (1822): Traite de mineralogie.- Paris, 4. Bd., p. 311 (nach HINTZE, 1904)

KLAPROTH, M.H. (1802): Chemische Untersuchung des faserigen Roth-Spiessglanzerzes.- Beiträge zur Chemischen Kenntnis der Mineralkörper, 3. Bd., p. 178-182 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

LEONHARD, C.C. von (1821): Handbuch der Oryktognosie.- Heidelberg, erste Aufl., p. 157

LINNÉ, C. (1748): Systema Naturæ sistens regna tria naturæ, in classes et ordines, genera et species, redacta tabulisque æneis illustrata.- Lipsiæ, Godofr. Kiesewetteri, p. 172

MOHS, F. (1824): Grundriss der Mineralogie, Bd. 2, p. 598

ROSE, H. (1825): Poggendorffs Annalen der Chemie und Physik, 3, 453 (nach HINTZE, 1904)

SAGE (1779): Mineralogie docimastique, Vol. 2 (nach HINTZE, 1904)

WALLERIUS, J.G. (1747): Mineralogia, eller Mineralriket.- Stockholm, p. 239

WALLERIUS, J.G. (1778): Systema mineralogicum, quo corpora mineralia in classes, ordines, genera et species suis cum varietatibus divisa, describuntur, atqve observationibus, experimentis et figures ænis illustratur.- Editio nova & correcta, Viennæ, ex Officina Krausiana, p. 199 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

CHAPMAN





Kermesit-Kristalle. Grube Neue Hoffnung Gottes, Bräunsdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen, Deutschland. Größe der Stufe 7 cm. Sammlung und Foto Thomas Witzke



Chemische Analyse von Kermesit (in Masse-%)

    faseriges Rothspiessglanzerz,   
  Neue Hoffnung Gottes,
  Bräunsdorf
  KLAPROTH (1802)   
  Kermesit,   
  Neue Hoffnung Gottes,   
  Bräunsdorf
  ROSE (1825) 1)
  Kermesit,
  theoretische
  Zusammensetzung     
 
  Sb   67.5   75.06   75.24
  S   19.7   20.49   19.82
  O   10.8     4.78     4.94
  Summe        98.0 100.33 100.00

1) Durchschnitt aus zwei Analysen


© Thomas Witzke / Stollentroll

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