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SACHSEN-ANHALT


Kermesit


Formel: Sb2S2O, triklin

Typlokalität: Grube Neue Hoffnung Gottes, Bräunsdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen

Erstbeschreibung:
HEBENSTREIT, J.E. (1737): De Antimonio rubro.- Acta physico-medica Academiæ Cæsareæ Leopoldino-Carolinæ Naturæ Curiosum exhibentia Ephemerides sive Observationes Historias et Experimenta a Celeberrimis Germaniæ et Exterarum Regionum Viris Habita et Communicata Singulari Studio Collecta, Vol. 4, p. 557-561. Norimbergae, apud Hæredes W.M. Endteri et J.A. Engelbrechti Vuduam
    (als "Antimonium rubrum", "Stibium rubrum")





Kermesit-Kristalle. Grube Neue Hoffnung Gottes, Bräunsdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen, Deutschland. Bildbreite 2,5 cm. Sammlung und Foto Thomas Witzke.


 
           Stibium rubrum, das rote Spießglaserz

Das Mineral wurde erstmals 1737 von dem Mediziner und Naturforscher Johann Ernst HEBENSTREIT beschrieben. Er berichtet:
"... stibium rubrum, quod paucis abhinc annis prope Freybergam ex cuniculo Gratia Dei dicto, erui coepit."
Das Stibium rubrum, das rote Antimon, wurde vor wenigen Jahren in der Nähe von Freiberg in der Grube Gnade Gottes gefunden. Eine Grube Gnade Gottes gab es in Bräunsdorf, sie wurde neben anderen kleinen Bergwerken durch die Grube Neue Hoffnung Gottes übernommen. HEBENSTREIT schreibt weiter, dass das Mineral federartig in Drusen mit Quarz vorkommt.

Johann Andreas CRAMER gibt 1744 in seiner "Elementa Artis Docimasticæ" (Kunst der Dokimastik oder Dokimasie, d.h. das Ausschmelzen von Metallen aus Erzen zur Analyse) eine Beschreibung des Minerals, ohne einen Fundort zu erwähnen:
"Minera Antimonii habetur prorsus rubri, coccinei coloris, quæ præcedente multo rarior, præter Sulphur, Arsenici non est expers, cæterum cum priori conveniens. Hæc, sicuti etiam præcedens, Minera Antimonii nascitur etiam in forma Florum flocculentorum, ex striis filamentosis nitide contexturum, rarioris texturæ."
Eine deutschen Übersetzung von CRAMERs Werk wurde durch den Metallurgen und Mineralogen Christlieb Ehregott GELLERT 1746 angefertigt. Unter dem Abschnitt "Vom Spießglaskönig und seinem Erze" heißt es hier:
"Man hat ganz rothes scharlachfarbiges Spießglaserz, welches viel seltner als das vorige ist, und außer dem Schwefel auch Arsenik bey sich hat, übrigens kömme es mit dem vorigen überein. Sowohl dieses als das vorige wächset auch als flockigte Blumen, welche aus fadenartigen Striehmen sauber zusammengesetzt sind, und ein seltnes Gewebe vorstellen."


           Schwedische Wissenschaftler machen das Mineral bekannt

1747 nimmt der schwedische Chemiker und Mineraloge Johan Gottschalk WALLERIUS das Mineral in seine Systematik auf und gibt eine kurze Beschreibung. Auch er hält es für ein Antimon-Schwefel-Arsen-Mineral. Möglicherweise wurde der Arsengehalt nur auf Grund der roten Farbe vermutet, da das Schwefel-Arsen-Mineral Realgar ebenfalls eine rote Farbe aufweist. Carl von LINNÉ bezieht sich 1748 in seinem Systema Naturæ im wesentlichen auf WALLERIUS:
"STIBIUM rubrum. roth Spießglaserz.
Antimonium sulphure & arsenico mineralisatum rubrum. W. 239.
Locus: Germania."
Das "W" steht für WALLERIUS. Das Hauptinteresse von WALLERIUS galt der Systematik der Minerale. Diese Systematik hat wohl Carl von LINNÉ dazu bewogen, seine ab 1735 im "Systema Naturæ" entwickelte binomiale Taxonomie der Pflanzen und Tiere auch auf das Mineralreich auszudehnen. In einer Auflage von 1748 und dann wieder ab 1770 behandelte er deshalb auch die Minerale (im weiteren Sinn) und damit das komplette Naturreich. Die Fundorte, soweit sie nicht in Schweden liegen, sind hier generell nur sehr allgemein angegeben.

Etwas ausführlicher beschreibt 1758 Axel Frederic von CRONSTEDT, ebenfalls ein schwedischer Chemiker, das Mineral in seiner Schrift "Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning" und nennt hier neben Bräunsdorf ein weiteres Vorkommen, wenn auch nur sehr allgemein. Das Werk erschien anonym, erst durch die Übersetzung von WIEDEMANN 1760 wurde der Autor bekannt. Eine zweite Übersetzung erschien mit einigen Ergänzungen von Morten Thrane BRÜNNICH 1770. Danach schreibt CRONSTEDT im Kapitel "Spiesglas. Antimonium. Stibium", also zum Antimon und seinen Verbindungen:
"Mineralisirt. [gemeint sind damit Verbindungen mit anderen Elementen - T.W.] [...]
2. Durch Schwefel und Arsenik. Antimonium auripigmento mineralisatum. Rothes Spiesglaserz. Antimonium solare
Hat eine rothe Farbe, und ist dem Gewebe nach dem vorigen gleich, doch nicht so grobstrahlig.
1) Mit feinen Fasern.
2) Aehrenähnlich. Braunsdorf in Sachsen. Ungarn. (In Ungarn weis niemand etwas davon, ich habe es allein zu Braunsdorf angetroffen. Daher wird auch von einigen, die es nicht gesehen, sein Daseyn geläugnet. B.)"
Seine Ergänzungen zur Übersetzung von CRONSTEDTs Text hat BRÜNNICH in Klammern gesetzt und durch ein "B." gekennzeichnet.

Bis fast zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Grube "Neue Hoffnung Gottes" in Bräunsdorf die einzige bekannte Fundstelle des Minerals in Sachsen und in ganz Deutschland. Man kann vermuten, dass mit dem Vorkommen in "Ungarn" Pernek und/oder Pezinok (damals Büsing) bei Bratislava gemeint ist. Die Region gehörte früher zu Ungarn und liegt heute in der Slowakischen Republik.


           Viele neue Namen für das rote Spiesglaserz

Balthazar Georges SAGE, ein französischer Mineraloge und Chemiker, nennt 1779 das Mineral "Mine d'Antimoine en plumes = Kermes mineral natif". "Kermes" ist ein alter alchemistischer Begriff und leitet sich vom persischen "qurmizq" oder arabischen "al-qirmiz" für die rote, aus Insekten gewonnene Farbe ab. Das künstliche Material bezeichnet ein rotes Antimonsulfid (oder je nach Herstellungsverfahren auch Antimonoxysulfid), das für alchemistische Zwecke und in der Medizin verwendet wurde.

Ludwig August EMMERLING führt in seinem Lehrbuch der Mineralogie von 1796 als Synonyme für das "Rothspiesglaserz" die Bezeichnungen "Rother Federspiesglas, natürlicher Goldschwefel, natürlicher Kermes" an. René-Just HAÜY (1801) benennt das Mineral "Antimoine hydrosulfuré", da nach BERTHOLET der Kermes eine Verbindung von Antimonoxid, Schwefel und Wasserstoff sei.

Bei Johann Friedrich Ludwig HAUSMANN (1813) findet sich das Mineral als "Spiessglanzblende", bei Carl Caesar von LEONHARD (1821) läuft es unter der Bezeichnung "Antimonblende". HAÜY änderte 1822 auf Grund von KLAPROTHs Analyse den Namen in "Antimoine oxydé sulfuré". Friedrich MOHS wählte 1824 die Bezeichnung "prismatische Purpurblende" und bestimmte die Symmetrie an Kristallen von Bräunsdorf als monoklin.
1831 stellte Ernst Friedrich GLOCKER den Namen "Pyrantimonit" auf, nach griechisch pyr = Feuer. Francois Sulpice BEUDANT nennt das Mineral 1832 einfach nur "Kermes", Edward John CHAPMAN änderte ihn 1843 in den heute gebräuchlichen Namen "Kermesit" ab.
Bedeutungslos ist GLOCKERs Bezeichnung "Pyrostibit (Pyrostibites eutomus, Eutomer Pyrostibit)" von 1847 geblieben.


           Chemische Analysen

1802 später führte Martin Heinrich KLAPROTH die erste quantitative chemische Analyse an "faserigem Rothspiessglanzerz" von der Grube Neue Hoffnung Gottes in Bräunsdorf durch. Er zeigte, dass das Mineral keinen Wasserstoff enthält wie BERTHOLET annahm, sondern nur aus Antimon, Schwefel und Sauerstoff besteht:
"Das faserige Roth-Spiessglanzerz kömmt zu Bräunsdorf in Sachsen, in der Grube Neue Hoffnung Gottes, auf grauem Quarze vor; gewöhnlich mit Grau-Spiessglanzerze, zu Zeiten auch mit einzelnen Krystallen des Weiss-Spiessglanzerzes, begleitet.
Es erscheint unter der ihm eigenen kirsch- und mordorérothen Farbe, woher es auch seinen Namen natürlicher Mineral-Kermes erhalten hat. Zum Theil findet es sich mit bunt angelaufenen Oberflächen. Es bildet zarte haar- und nadelförmige Krystalle, die theils einzeln gewachsen, theils büschelförmig zusammengehäuft sind. Es ist glänzend, von Seidenglanz, und undurchsichtig.
Das eigenthümliche Gewicht, dessen genaue Bestimmung einige Vorsicht erfordert, da die, an das lockere Haufwerk der zarten Nadeln sich anhäufenden, Luftbläschen sich nur mit Mühe entfernen lassen, fand ich: 4,090."
Nach diversen chemischen Untersuchungen erkannte KLAPROTH:
"Vom geschwefelten Wasserstoffgas war durchaus keine Spur vorgekommen. Dieser Erfolg stimmte ganz mit meinem Urtheil überein, nach welchem in den, bei Auflösung des Roth-Spiessglanzerzes auf nassem Wege sich entwickelnden geschwefelten Wasserstoff blos als ein erst während der Auflösung sich erzeugendes Product betrachte; so wie mir überhaupt noch kein directer Beweis von der Gegenwart des Wasserstoffs in irgend einer anderweitigen natürlichen schwefelsauren Vererzung, oder vom Daseyn eines natürlichen metallischen Hydrosulfure bekannt ist.
Das Roth-Spiessglanzerz halte ich daher vom Grau-Spiessglanzerze blos darin unterschieden, dass im erstern das Metall mit Sauerstoff verbunden ist; wogegen im letztern das Spiessglanz dem reinen metallischen Zustande näher kömmt."
Eine genaue quantitative chemische Analyse führte schließlich Heinrich ROSE 1825 durch. Seine Ergebnisse entsprechen sehr gut der theoretischen Zusammensetzung für das Mineral.
"Man wird ferner finden, dass sich die Menge des Antimonoxyds zur Menge des Schwefelantimons verhält, wie ein einfaches Atomgewicht des erstern zu einem doppelten des letztern, so dass das Rothspiesglanzerz zusammengesetzt ist aus 1 Atom Antimonoxyd und 2 Atomen Schwefelantimon"
Als Formel gibt ROSE "SbO3 + 2SbS3" an (im Original der Sauerstoff durch 3 Punkte über dem Sb symbolisiert). Hier muss man beachten, dass das Atomgewicht von Antimon damals doppelt so hoch wie das tatsächliche angenommen wurde, und Sb in der Formel deshalb verdoppelt werden muss. Dann entsprechen die Elementverhältnisse exakt der heute gültigen Formel. ROSE merkt an, dass bereits BERZELIUS diese Formel vermutet hatte.



Literatur:
BEUDANT, F.S. (1832): Traité élémentaire de Minéralogie, 2. Aufl., p. 617

BRÜNNICH, M.Th. (1770): Cronstedts Versuch einer Mineralogie. Vermehret durch Brünnich.- Copenhagen und Leipzig, C.G. Prost und Rothens Erben, 296 p. (p. 246)

CHAPMAN, E.J. (1832): Practical Mineralogy, or a Compendium of the Distinguishing Characters of Minerals.- London, Hippolyte Bailliere Publisher; Paris, J.B. Bailliere, Libraire; Leipsig, T.O. Weigel, 192 p. (p. 61)

CRAMER, J.A. (1744): Elementa Artis Docimasticæ, Dubous Tomis comprehensa, Quorum Prior Theoriam, pesterior Praxin, Ex vera Fossilium indole deductas, atque indubitatæ Experimentorum, summa cum accuratione institutorum, fide firmatas, ordine naturali & doctrina apertissima exhibet.- Lugduni Batavorum [= Leiden], Apud Conradum Wishoff et Georg. Jac. Wishof, Fil. Conr. Cum Privilegio, 366 p. (p. 290)

CRAMER, J.A. (1746): Anfangsgründe der Probierkunst, in zweyen Theilen abgefasset, von welchen der erste die Theorie, der andere die Ausübung, in der natürlichen Ordnung und einer sehr verständlichen Lehrart darstellet, So wie sie aus der wahren natürlichen Beschaffenheit der der Foßilien hergeleitet und durch die glaubwürdigsten mit der größten Sorgfalt angestellten Versuche bekräftigt worden sind. Nach der andern verbesserten Ausgabe, die sowohl in der Theorie, als in der Ausübung, vom Autore selbst sehr vermehret und bereichert worden, Dem Bergwesen zum Besten aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt von C.E. Gellert.- Stockholm, verlegt bei Gottfried Kiesewetter, 682 p. (p. 267-268)

CRONSTEDT, A.F. von [das Buch ist anonym ohne Verfasserangabe erschienen] (1758): Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning.- Stockholm

EMMERLING, L.A. (1796): Lehrbuch der Mineralogie, Zweyter Theil.- Giessen, p. 477

GLOCKER, E.F. (1831): Handbuch der Mineralogie.- Nürnberg, bey Johann Leonhard Schrag, p. 392-393 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

GLOCKER, E.F. (1847): Generum et Specierum Mineralium Secundum Ordines Naturales digestorum Synopsis.- Halle, bei Eduard Anton, 347 p. (p. 16) [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

HAUSMANN, J.F.L. (1813): Spiessglanzblende.- Handbuch der Mineralogie, Göttingen

HAÜY, R.-J. (1801): Traité de Minéralogie.- Paris, bei Louis, 4. Band, 592 p. (p. 276-279)

HAÜY, R.-J. (1822): Traité de Minéralogie.- Paris, Bachelier et Huzard, 4. Band, 604 p. (p. 311-315)

HEBENSTREIT, J.E. (1737): De Antimonio rubro.- Acta physico-medica Academiæ Cæsareæ Leopoldino-Carolinæ Naturæ Curiosum exhibentia Ephemerides sive Observationes Historias et Experimenta a Celeberrimis Germaniæ et Exterarum Regionum Viris Habita et Communicata Singulari Studio Collecta, Vol. 4, p. 557-561. Norimbergae, apud Hæredes W.M. Endteri et J.A. Engelbrechti Vuduam

KLAPROTH, M.H. (1802): Chemische Untersuchung des faserigen Roth-Spiessglanzerzes.- Beiträge zur Chemischen Kenntnis der Mineralkörper, 3. Band, p. 178-182 [als PDF-File (externer Link zu Google Books]

LEONHARD, C.C. von (1821): Handbuch der Oryktognosie.- Heidelberg, erste Aufl., p. 157

LINNÉ, C. (1748): Systema Naturæ sistens regna tria naturæ, in classes et ordines, genera et species, redacta tabulisque æneis illustrata.- Lipsiæ, Godofr. Kiesewetteri, 223 p. (p. 172)

MOHS, F. (1824): Grundriss der Mineralogie, Zweiter Theil. Physiographie.- Dresden, in der Arnoldischen Buchhandlung, 730 p. (p. 598)

ROSE, H. (1825): Ueber die Verbindungen des Antimons mit Chlor und Schwefel.- Poggendorffs Annalen der Chemie und Physik 3, 441-454

SAGE, B.G. (1779): Elemens de Mineralogie docimastique.- Paris, ed. II

WALLERIUS, J.G. (1747): Mineralogia, eller Mineralriket, indelt och beskrifvit af Johan Gotschalck Wallerius.- Stockholm, bei Lars Salvii, p. 239







Kermesit-Kristalle. Grube Neue Hoffnung Gottes, Bräunsdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen, Deutschland. Größe der Stufe 7 cm. Sammlung und Foto Thomas Witzke



Chemische Analyse von Kermesit (in Masse-%)

    faseriges Rothspiessglanzerz,   
  Neue Hoffnung Gottes,
  Bräunsdorf
  KLAPROTH (1802)   
  Kermesit,   
  Neue Hoffnung Gottes,   
  Bräunsdorf
  ROSE (1825) 1)
  Kermesit,
  theoretische
  Zusammensetzung     
 
  Sb   67.5   75.06   75.24
  S   19.7   20.49   19.82
  O   10.8     4.78     4.94
  Summe        98.0 100.33 100.00

1) Durchschnitt aus zwei Analysen


© Thomas Witzke / Stollentroll

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