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Herderit


Formel: CaBe(PO4)(F,OH), monoklin

Typlokalität: Ehrenfriedersdorf, Erzgebirge, Sachsen

Erstbeschreibung:
HAIDINGER, W. (1828): On Herderite, a new Mineral Species.- Philosophical Magazine, or Annals of Chemistry, Mathematics, Astronomy, Natural History, and General Science 4, 1-3



             Der Herderit aus Ehrenfriedersdorf

Bei einem Besuch im Wernerschen Museum in Freiberg fiel Wilhelm HAIDINGER eine Stufe aus Ehrenfriedersdorf auf, die ein seiner Meinung nach neues Mineral enthielt. Einige Jahre später veröffentlichte HAIDINGER zunächst eine Beschreibung in englisch (1828 a), die kurz darauf auch in einer deutschen Übersetzung erschien (1828 b). In letzterer Arbeit heißt es zu dem neuen Mineral:
"Grundgestalt, eine ungleichschenklich vierseitige Pyramide [...]. Theilbarkeit deutlich, parallel den Flächen M, doch unterbrochen; auch senkrecht gegen die Axe, die letztere jedoch nur in einzelnen sehr hellen und ebenflächigen Stücken; schwache Anzeigen parallel P. Bruch klein muschlig.
Oberfläche: M sehr glatt und zart gestreift parallel den Combinationskanten mit P [...].
Glasglanz, etwas in Harzglanz neigend. Farbe, mehrere Schattirungen von gelblichem und grünlichem Weiss. Strich, weiss. Sehr durchsichtig. Sehr spröde. Härte = 5,0, der des Apatites gleich. Specif. Gewicht = 2,985.
2. Bemerkungen.
Ich untersuchte die Charactere dieser Species im Sommer 1823, machte aber die Beschreibung nicht bekannt, weil ich hoffte fernere Beobachtungen an andern Varietäten derselben Species anstellen zu können, was sich aber nicht verwirklicht hat. Das einzige bis jetzt bekannte Exemplar vom Herderit befindet sich im Wernerschen Museum zu Freiberg. Es wurde mir von Hrn. von Weissenbach, damaligem Aufseher des Museums, gezeigt, als Krystalle enthaltend, deren Form nicht genau auf die des Apatits, unter welchem sie sich gefunden hatten, bezogen werden konnte. Die Verschiedenheit im Ansehen der Flächen p und t, von denen die erste glatt oder parallel ihren Intersectionen mit P nur schwach gestreift waren, während die letztere sich körnig ergab, zeigte, dass die Gestalten nicht zum rhomboëdrischen, sondern zum prismatischen System gehörten; ich nahm keinen Anstand, das Mineral für ein neues zu erklären, und ersuchte, es mich näher untersuchen zu lassen, was mir auch bereitwillig gestattet wurde. Hr. Breithaupt, der damals gegenwärtig war und früher selbst das Exemplar im Wernerschen Cabinet aufgestellt hatte, erklärte gleichfalls die Species für neu.
Durch gütige Vermittlung des Hrn. Reich, jetzigen Aufsehers des Museums, wurde ich, während meines Aufenthalts in Berlin im Winter 1825, von Hrn. Oberberghauptmann Baron von Herder, mit einigen Fragmenten des Exemplars Behufs einer Untersuchung versehen. Diesem zu Ehren habe ich den Namen Herderit für diese Species vorgeschlagen.
2) Der Herderit kommt in Flussspath vor, in den Zinngruben von Ehrenfriedersdorf in Sachsen. Er sieht dem Apatit, mit dem er früher verwechselt worden ist, in einem hohen Grade ähnlich, besonders dem unter dem Namen Spargelstein bekannten [...]. Die Aehnlichkeit mit dieser Species ist hinreichend, um den Herderit in das Mohs'sche Genus Fluss-haloïd zu stellen, worin er künftig unter dem Namen: prismatisches Fluss-haloïd aufgeführt werden mag."





Herderit-Kristall von Ehrenfriedersdorf, aus HAIDINGER (1828 a)



             Kontroverse um die Priorität der Entdeckung

Um die Priorität an der Entdeckung des Herderits bricht ein Streit zwischen BREITHAUPT und HAIDINGER aus, der auch schon bei JAHN (1998) ausführlich dargestellt wurde. Zunächst reklamiert August BREITHAUPT 1832 die Entdeckung in seiner "Vollständigen Charakteristik des Mineral-Systems" für sich und gibt dem Mineral einen neuen Namen:
"XXIV Geschlecht. ALLOGONIT - *) SP.
Deuterostatisch. Rhombisch, holoëdrisch und brachyax. Spaltbar, lateral und basisch.
H. 6.
G. 2,9 bis 3,0.
1. Spezie. HAPLOTYPER ALLOGONIT.
[Herderit, Hdgr.]
Fettglanz, unrein. Prf.: Rhombisches Pyramidoëder [...]
Spaltbar, prismatisch, undeutlich; basisch, noch undeutlicher. G. = 2,985, Hdgr.
*) Unter diesem Namen habe ich schon seit 8 Jahren dieses von mir entdeckte Mineral in meinen öffentlichen Vorträgen berücksichtigt."
Die von BREITHAUPT genannten 8 Jahre würden bedeuten, dass er den Namen Allogonit seit 1824 verwendete, während HAIDINGER schrieb, dass er das Mineral 1823 in Anwesenheit von BREITHAUPT als neu erkannt hat. Ernst Friedrich GLOCKER (1833) folgt BREITHAUPTs Angaben und führt ihn als den Entdecker des Minerals:
"Den Herderit nennt Breithaupt Allogonit, unter welchem Namen er dieses von ihm entdeckte Mineral schon in seinen Vorlesungen erwähnt hat; daher denn diesem Namen allerdings der Vorzug vor dem ersteren gebührt."
1841 veröffentlicht BREITHAUPT sein "Vollständiges Handbuch der Mineralogie", in dem er sich nochmals explizit als Entdecker des Minerals bezeichnet. Er verwendet jetzt allerdings einen neuen Namen, der die Bezeichnung von HAIDINGER mit aufgreift:
"Allogonites Herderi kürzer Herderit
[Allogonit, Br. Herderit, prismatisches Fluss-Haloid, Hdgr.]
[...] Zu Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge, mit Quarz, Wolframit, Zinnerz, welche älter, und Apatit, Flusspath, welche neuer gebildet sind. Aeusserst selten.
Anhang. Dies Mineral war von mir, unter Apatiten aufgefunden, sogleich für eine besondre Spezie erkannt worden. Hr. Haidinger hatte später einen Xll gemessen. Ich hatte es seit mindestens 15 Jahren unter dem ersten Namen in meinen Vorträgen erwähnt, wollte aber mit der Bekanntmachung bis zur chemischen Kentniss davon Anstand nehmen."

Durch diese Veröffentlichungen sah sich Wilhelm HAIDINGER 1841 zu einer deutlichen Entgegnung und Klarstellung seiner Position veranlasst:
"Ein Angriff des Hrn. Prof. Breithaupt ist es, der mich zu dem gegenwärtigen zwingt. Meine Beschreibung des Herderits erschien in dem Philosophical Magazine and Annals of Philos. Vol IV p.1, und daraus in Poggendorff's Annalen, Bd. XIII S. 502."
HAIDINGER zitiert zunächst seine eigene Beschreibung von 1828, und dann BREITHAUPTs Veröffentlichung von 1832, in welcher jener sich als Entdecker bezeichnet, und schreibt dann weiter:
"Unbefangene Leser mussten aus dieser Aeusserung den Hrn. Prof. Breithaupt für den Entdecker der Species, mich für einen Plagiarius halten"
und führt als Beispiel hier GLOCKERs Veröffentlichung an. HAIDINGER zögerte noch mit einer Entgegnung, aber nachdem BREITHAUPT sich 1841 erneut als Entdecker bezeichnete, sah er seine Priorität nun doch gefährdet:
"Diess ist nun doch zu -- deutlich, als dass ich es noch ungerügt hingehen lassen dürfte. Auch finde ich mich in einer anderen Stellung als damals, in einer professionellen, und ich würde ein Unrecht eingestehen, welches ich nicht begangen habe, wollte ich zu den immer verletzenderen Beschuldigungen schweigen.
Von meinen früheren Angaben überd ie Erkennung des Herderits als eigene Species durch mich nehme ich kein Wort zurück; möge Hr. Prof. Breithaupt sich doch der Umstände erinnern. Das Stück lag unter den Apatiten in der Werner'schen Sammlung. Hr. Geheime Finanzrath von Weissenbach, damals Custos dieser Sammlung, bemerkte mir, dass die Flächen der Krystalle nicht wohl auf die des Apatits bezogen werden könnten. Hr. Prof. Breithaupt war gegenwärtig, und äusserte gar keine Bemerkung. Nachdem ich das schöne Stück mit Aufmerksamkeit, und ich kann hinzusetzen, mit dem eigenthümlichen Eifer betrachtet hatte, de die Aussicht auf eine Eintdeckung begleitet, sprach ich in Gegenwart beider Herren die specifische Selbstständigkeit der neuen Species aus. Hr. Prof. Breithaupt konnte nicht anders, als sie gleichfalls anerkennen; er erzählte nun, dass er das Stück früher selbst besessen, es aber an Werner abgetreten habe. Hätte er nun die Eigenthümlichkeit der Species früher anerkannt, er würde sicher nicht abgewartet haben, bis ich in seiner Gegenwart, vor einem Zeugen, dessen Competenz gewiss unverwerflich ist, diese Eigenthümlichkeit ohne Rückhalt erklärte; er wäre gewiss vorher schon zu mir getreten und hätte gesagt: »Da habe ich auch eine neue Species unter dem entdeckt, was Jedermann früher für Apatit gehalten hatte,« und die Rolle des Bestätigers wäre mir zugefallen. Diess hat er aber nicht gethan. Auch erlaubte mir Hr. von Weissenbach auf meine Bitte das Stück nach Hause zu nehmen, und seine Form und andere Eigenschaften genauer zu untersuchen, was gewiss Hr. Prof. Breithaupt, wäre er der erste Entdecker - nicht des Stücks, sondern der Species gewesen, sich nicht hätte nehmen lassen. [...] Das Resultat meiner Untersuchung wurde in Manuscript mit dem zurückgestellten Exemplar des Herderits in die Sammlung gelegt, und ist vielleicht noch dabei vorfindig. [...]
Ich kann daher mit Grund behaupten:
1) Dass Hr. Prof. Breithaupt diese Species für Apatit hielt, bis er das Gegenteil aus meinem Munde hörte.
2) Dass er mit den Abmessungen und anderen Eigenschaften derselben erst bekannt wurde, seitdem er sie von meiner Hand geschrieben lesen konnte.
An der Aufstellung und Bestimmung der Species des Herderits hat also Hr. Prof. Breithaupt keinen Antheil."

August BREITHAUPT verfasste am 11. Januar 1843 eine Entgegnung, die im gleichen Jahr erschien:
"In Bezug auf den Angriff, den Hr. Haidinger in diesen Annalen, Bd. LIV St. 4 S. 539, wegen des Allogonites Herderi oder des Herderits gegen mich gerichtet, und den ich nicht um der Sache, sondern um der Art und Person willen bedauere, habe ich mehr nicht als Folgendes zu entgegnen. Das Mineral in dem Stücke, welches ich schon im Jahre 1813 Wernern schenkte, war mir, als nicht zum Apatit gehörig, damals aufgefallen; ich zeigte es deshalb Wernern, der es aber für Apatit ansprach, und das Stück zu besitzen wünschte. Werner selbst (nicht ich, wie Hr. Haidinger wähnt) hat es in seine Sammlung gelegt, und zwar zu den Apatiten, und nie würde ich dies gethan haben. Nach Werner's Tod nahm ich mir wirklich nie die Freiheit, von diesem Stücke etwas zu lösen, um es zu untersuchen. Ich hatte aber Gelegenheit Sachverständige, namentlich den Bergacademie-Inspector Köhler, und, irre ich nicht, auch Hrn. von Weissenbach (jetzt Geheimer Regierungsrath) darauf aufmerksam zu machen. Obwohl ich eigentlich als Entdecker und Geber einen Anspruch gehabt hätte, das damals nur in dem einen Stücke existierende Mineral untersuchen zu dürfen, ward es, ohne mein Wissen, Hrn. Haidinger gegönnt, es in seine Wohnung zu nehmen, und es zu bestimmen. Diese Bestimmung nun gehört lediglich Hrn. Haidinger, nicht mir, an; ich habe sie aber auch niemals als die meinige ausgegeben, und folglich mir kein Plagiat erlaubt. Jahre lang früher, als Hr. Haidinger seine Bestimmung bekannt gemacht, habe ich das Mineral unter dem Namen Allogonit in meinen Vorlesungen mit gezeigt, dabei mich nur als Entdecker, Hrn. Haidinger aber gewissenhaft als Beschreiber genannt, nach einer Etiquette, die von Hrn. Haidinger selbst dem Stücke beigelegt war. Ich kann mich nicht davon überzeugen, gegen Hrn. Haidinger indiscret gewesen zu seyn. Erst nachdem Hr. Haidinger den Herderit bekannt gemacht, habe ich davon einen literarischen Gebrauch gemacht. Der ganze Angriff gegen mich schein mehr durch die Bemerkung des Hrn. Glocker als durch mich selbst veranlasst zu seyn. Hätte ich bei Herausgabe des zweiten Bandes meines Handbuchs der Mineralogie an dieselbe Bemerkung gedacht, so würde ein kleiner Zusatz zu der von Hrn. Haidinger citirten Stelle etwa so, »und um nicht Hrn. Haidinger vorzugreifen,« jeden Prioritätsstreit vermieden haben."
HAIDINGER und BREITHAUPT ließen die Angelegenheit danach offenbar auf sich beruhen, es sind keine weiteren Entgegnungen mehr bekannt.


             Vorkommen von Herderit in Ehrenfriedersdorf

HAIDINGER (1828 a und b) gibt lediglich allgemein Ehrenfriedersdorf als Fundpunkt an. Das Holotypexemplar aus der WERNER-Sammlung an der TU Bergakademie Freiberg (Nr. 103800) weist ein Etikett von WERNER "Apatit von Ehrenfriedersdorf" sowie ein Etikett von BREITHAUPT "Herderit neben Apatit" auf. Das Etikett von HAIDINGER ist offenbar verloren gegangen.
Eine genauere Angabe zum Vorkommen findet sich bei August FRENZEL (1874): "Der Herderit ist äusserst selten und kommt auf der Grube Morgenröthe am Sauberge bei Ehrenfriedersdorf vor". Auch ein von George E. HARLOW & Frank C. HAWTHORNE (2008) analysiertes Material (Sammlung TU Bergakademie Freiberg, Nr. 20517) stammt von dort. FLACH et al. (1991) nennen noch den Einigkeiter Zug am Sauberg als Vorkommen, Steffen JAHN (1998) zeigt, dass es auch Material mit der Angabe "Segen Gottes Schacht" in der Sammlung der TU Bergakademie Freiberg gibt.


             Die Zusammensetzung des Herderits

Eine erste Untersuchung nahm Carl Friedrich PLATTNER vor, die August BREITHAUPT 1841 zitiert:
"Nach Hn. Plattner's Untersuchungen besteht das Mineral wesentlich aus ungewässert phosphors. Thonerde und phosphors. Kalkerde (von dieser dem Anscheine nach etwas weniger als von jener). Auch ist Flusssäure als Nebenbestandtheil mit vorhanden."
Das Beryllium wurde von PLATTNER offenbar als Aluminium verkannt.

1884 beschrieben zunächst William E. HIDDEN und in einer ausführlicheren Arbeit dann HIDDEN & James B. MACKINTOSH (1884) ein Mineral von Stoneham, Oxford Co., Maine, USA, das in seinen Eigenschaften mit dem Herderit aus Ehrenfriedersdorf übereinstimmte. Bei der chemischen Analyse zeigte sich ein hoher Gehalt an Beryllium, von den Autoren noch als "Glucina" bezeichnet. Fluor wurde lediglich indirekt ermittelt. Nach der Analyse handelt es sich um ein Fluor-haltiges Calcium-Beryllium-Phosphat, für das die Autoren die Formel "3 CaO, P2O5 + 3 GlO, P2O5 + CaF2 + GlF2" angeben (Gl steht für Glucinium = Beryllium). Übertragen in eine moderne Schreibweise entspricht dies CaBePO4F. Da keine brauchbare Analyse vom originalen Herderit vorlag, konnten die Autoren nicht entscheiden, ob ihr Mineral tatsächlich mit Herderit identisch ist. Für den Fall, dass es sich als davon verschieden erwies, schlugen sie den Namen "Glucinit" vor.

Da sich das amerikanische Material als ein Berylliumphosphat erwiesen hatte, entschied sich Albin WEISBACH (1884),
"von den unserer Bergakademie gehörigen zwei Stufen, welche anzutasten man sich bei der äussersten Seltenheit der Species bis jetzt nicht hatte entschließen können, einige Krystalle abzulösen und sie meinem theuren Freunde Prof. Dr. Ch. Winkler mit der Bitte zu übergeben, darin die An- oder Abwesenheit von Beryllerde festzustellen. In bekannter Liebenswürdigkeit erklärte sich mein College nicht nur hierzu bereit, sondern eröffnete sogar, trotz der geringen verfügbaren Menge von 39,5 Milligramm die Möglichkeit des Gelingens einer quantitativen Analyse."
Clemens WINKLER fand tatsächlich das Beryllium, daneben aber auch Aluminium, und konnte "nur eine zweifelhafte Fluorreaction beobachten". Laut WEISBACH ging WINKLER deshalb davon aus, dass die Differenz zu 100 (siehe Tabelle unten) eher auf einen Wassergehalt zurückzuführen ist. WINKLER untersuchte auch Material von Stoneham, konnte aber Fluor nicht mit Sicherheit nachweisen.

F.A. GENTH (1884) fertigte eine eigene Analyse des Materials von Stoneham an, um die Differenzen in den bisherigen Analysen zu klären, und stellt einen Vergleich mit dem Ehrenfriedersdorfer Material an. Für die Analysen stand ihm 2,5 g Herderit von Stoneham zur Verfügung. Er fand einen deutlichen Fluorgehalt und nur Spuren von Al und Fe. GENTH warf WINKLER Fehler bei der Analyse des Ehrenfriedersdorfer Herderrits vor, speziell bei der Bestimmung des Berylliums und des Fluors, und das wertvolle Material verschwendet zu haben:
"It is to be regretted that the results of Dr. Winkler's two analyses are so very unsatisfactory, and that he has sacrificed the very precious Ehrenfriedersdorf herderite by employing incorrect methods for his analyses."
WINKLER (1885) sah sich nun zu einer Entgegnung veranlasst:
"Eine Publication des Herrn Prof. Dr. A. WEISBACH über den Herderit [...] hat Herrn Prof. F.A. GENTH Veranlassung zu Ausstellungen gegeben [...], welche ich als im Wesentlichen gegen mich gerichtet zu betrachten habe, und bezüglich deren mir folgende Rechtfertigung gestattet sein möge: Die auf Wunsch des Herrn Prof. WEISBACH von mir vorgenommene Untersuchung des Herderits sollte nur eine qualitative sein und in erster Linie dazu dienen, das Vorhandensein von Beryllerde in gedachtem Mineral darzuthun. Die ganze mir zur Verfügung stehende Materialmenge betrug 39,5 mg, von der regelrechten Durchführung einer quantitativen Analyse, wie sie GENTH, der mit 2,5 g des Stoneham-Minerals arbeitete, möglich war, hätte im vorliegenden Falle überhaupt nicht die Rede sein können. [...] Aus diesem Grunde musste ich es unterlassen, eine dircte Prüfung des Minerals auf Fluor, durch Erhitzen desselben mit Schwefelsäure, vorzunehmen, und ich glaubte das um so eher thun zu können, als der Fluorgehalt des Minerals früher schon durch PLATTNER, später auch durch TH. RICHTER, dargethan worden war. Dagegen schien es mir von Interesse, dass im Herderit neben Fluor auch noch Wasser enthalten sei. [...] Auf Grund des Vorstehenden muss ich den von Herrn Prof. GENTH mir gemachten Vorwurf, ein kostbares Material durch Anwendung incorrecter Untersuchungsmethoden vergeudet zu haben, als ganz ungerechtfertigt, entschieden zurückweisen. Mit wenigen Milligramm Material lassen sich eben keine durchaus erschöpfenden Untersuchungen durchführen und wenn ich mit Hilfe dieser geringfügigen Substanzmenge die Identität des Ehrenfriedersdorfer Herderits mit dem Mineral von Stoneham in genügender qualitativ wie auch quantitativ feststellte, so glaube ich damit gethan zu haben, was zu thun überhaupt möglich war."

Samuel L. PENFIELD (1894) untersuchte Herderit von mehreren Fundstellen im Bundesstaat Maine, USA: Paris, Hebron, Auburn, Greenwood und Stoneham. Der von HIDDEN & MACKINTOSH (1884) und auch von GENTH (1884) angegebene Fluorgehalt für das Material von Stoneham erwies sich als deutlich zu hoch. Tatsächlich ist es Hydroxyl-dominant mit einem Verhältnis von OH : F etwa 3 : 2. Die Proben von Paris und Hebron enthielten praktisch kein Fluor oder nur Spuren davon. PENFIELD stellte auch einen Zusammenhang zwischen kristallografischen Daten, der Dichte, optischen Eigenschaften und der chemischen Zusammensetzung her. Herderit von Ehrenfriedersdorf konnte PENFIELD nicht untersuchen, jedoch schloss er aus den publizierten kristallografischen und optischen Daten, dass der Fluorgehalt zwischen dem des Materials von Stoneham und Paris liegen solle. Entsprechend der Zusammensetzung, Hydroxyl-reich, Fluor-reich (falls dieser jemals gefunden werden sollte) bzw. dazwischen, schlug PENFIELD die Bezeichnungen Hydro-Herderit, Fluor-Herderit und Hydro-Fluor-Herderit vor.

Für einen faserigen Herderit von Newry, Maine, offenbar ein Umwandlungsprodukt von Beryllonit, finden C. PALACHE & E.V. SHANNON (1928) nach einer Analyse die stöchiometrisch nicht mögliche Formel "Ca(OH)2BePO4", möchten dafür aber keinen neuen Namen aufstellen. Carl HINTZE (1933) gibt für den Herderit die Formel "PO4Ca[Be(OH,F)]" an, also mit einer Dominanz von Hydroxid über Fluor, basierend offenbar weitgehend auf der Veröffentlichung von Penfield. Hydroherderit und Hydrofluorherderit werden als Varietäten beschrieben. Die Zuweisung der Formel CaBePO4F zum Herderit und die Definition von Hydroxylherderit (unter Umbenennung des Hydro-Herderits) als eigene Spezies erfolgte durch Charles PALACHE, Harry BERMAN & Clifford FRONDEL 1951. Auf welcher Grundlage dies erfolgte, ist nicht klar, den bis dahin gab es keine einzige Analyse, die eine Fluor-Dominanz von Herderit zeigte.

Peter B. LEAVENS, Pete J. DUNN & Richard V. GAINES (1978) untersuchten zahlreiche Herderit- bzw. Hydroxylherderit-Proben. Der von PENFIELD (1894) postulierte Zusammenhang zwischen Fluorgehalt und Gitterparametern ließ sich nicht bestätigen, eine signifikante Abhängigkeit war nicht festzustellen. Dagegen stehen die Brechungsindizes und der Fluorgehalt in einem deutlichen Zusammenhang. Insgesammt wurden 41 Proben von 19 Fundstellen mittels Mikrosonde untersucht. Alle Proben erwiesen sich als Hydroxyl-dominant, mit einem Anteil der Endgliedkomponente von 98 - 53 %. Lediglich ein Exemplar aus dem Smithsonian Institution, ein geschliffener Stein von einer unbekannten brasilianischen Fundstelle, wies 60 % der Fluor-Komponente auf. Material von Ehrenfriedersdorf stand den Autoren nicht zur Verfügung. Einen Fluor-dominanten Herderit mit F : OH = 65 : 35 aus dem Yichun Topas-Lepidolit-Granit, Jiangxi Provinz in Süd-China beschrieben HUANG et al. (2002).

George E. HARLOW & Frank C. HAWTHORNE (2008) konnten Material vom Morgenröther Zug, Grube Sauberg, Ehrenfriedersdorf, untersuchen. Das Probenmaterial stammte von einer Stufe aus der Sammlung der Bergakademie Freiberg, Nr. 20517. Es handelt sich dabei jedoch nicht um das Holotyp-Exemplar, das sich in Freiberg in der Werner-Samlung befindet. Aus der Mikrosonden-Analyse (wobei das Be stöchiometrisch berücksichtigt wurde) ließ sich eine empirische Formel Ca1.004Na0.005Be1.00P0.997O3.999(OH)0.517F0.483 errechnen. Vereinfacht lässt sich das als CaBe(PO4)(OH)0.52F0.48 darstellen. Auch wenn der Anteil an Fluor und Hydroxyl fast gleich ist, liegt ein OH-domainates Mineral und nach aktueller Nomenklatur ein Hydroxylherderit vor. Die Autoren konnten auch eine sehr Fluor-reiche Probe vom Mogok Stone Tract, Myanmar, mit der Zusammensetzung CaBe(PO4)F0.75(OH)0.25 analysieren, die den höchsten bisher bekannten Fluorgehalt in einem Herderit aufweist.


             Kristallografische Untersuchungen

Nach einer Kristallvermessung findet HAIDINGER (1828 a, b) als Grundform für das Mineral eine ungleichschenklich vierseitige Pyramide. Nach heutiger Terminologie entspricht dies dem orthorhombischen Kristallsystem, das Achsenabschnittsverhältnis beträgt a : b : c = 0.6261 : 1 : 0.4247. BREITHAUPT (1832) findet nahezu identische Winkel zwischen den Flächen wie HAIDINGER und hält das Mineral ebenfalls für rhombisch.
HIDDEN & MACKINTOSH (1884) hielten nach einer ersten Vermessung von Herderit-Kristallen von Stoneham, Oxford Co., Maine, USA, das Mineral ebenfalls für orthorhombisch. Edward S. DANA (1884) führte eine gründliche Vermessung der Kristalle durch und fand orthorhombische Symmetrie mit einem Verhältnis von a : b : c = 0.6206 : 1 : 0.4234.
An Material von Paris, Maine, USA erkannte S.L. PENFIELD (1894), dass Herderit nicht orthorhombisch, sondern monoklin kristallisiert, jedoch mit einem Winkel β nahe 90°. Er fand ein Verhältnis von a : b : c = 0.623075 : 1 : 0.42742 und β = 89°54'. Zwischen dem Fluorgehalt und den kristallografischen Parametern stellte PENFIELD einen Zusammenhang her, mit steigendem Fluorgehalt wird die Achse a kürzer und β nähert sich 90° an. Die orthorhombische Symmetrie wird weiterhin durch eine Verzwilligung vorgetäuscht.
Hugo STRUNZ (1936) bestimmte und die Raumgruppe und die Gitterparameter von Herderit und stellte fest, dass das Mineral isomorph mit dem Silikat Datolit, CaBSiO4(OH), ist. Er fand die monokline Raumgruppe P21/c, und die Parameter a = 4.8, b = 7.68, c = 9.8 Å und β = 90.1°.
Eine Einkristall-Strukturanalyse führten George A. LAGER & G.V. GIBBS (1974) an einem Kristall von Golconda, Minas Gerais, Brasilien, durch. Die Struktur lässt sich als alternierende Schichten aus eckenverknüpften PO4- und BeO3OH-Tetraedern mit kantenverknüpften CaO6(OH)2-Polyedern beschreiben. Sie vertauschten die Aufstellung gegenüber der von STRUNZ, dementsprechend ergab sich die Raumgruppe P21/a, und erhielten eine Zelle mit a = 9.789, b = 7.661, c = 4.804 Å und β = 90.02°.
George E. HARLOW & Frank C. HAWTHORNE (2008) bestimmten die Struktur von einem Fluor-dominanten Kristall vom Mogok Stone Tract, Myanmar, mit F : OH = 0.75 : 0.25. Sie fanden die Gitterparameter a = 9.7446, b = 7.6769, c = 4.7633 Å und β = 90.667°. Die Probe von Ehrenfriedersdorf mit leichter Dominanz von OH gegenüber F weist die Parameter a = 9.7615, b = 7.6680, c = 4.7853 Å und β = 90.184° auf.


             Der Status von Herderit

Herderit muss nach wie vor als ein problematisches Mineral betrachtete werden. Im Wesentlichen liegen dafür drei Gründe vor: die Zusammensetzung des Holotyp-Exemplars von Ehrenfriedersdorf in der Werner-Sammlung der TU Bergakademie Freiberg (Nr. 103800) ist nicht bekannt ist, die Definition von Herderit als CaBePO4(F,OH) durch Charles PALACHE, Harry BERMAN & Clifford FRONDEL (1951), ohne dass zu dieser Zeit eine glaubwürdige Analyse mit Dominanz von Fluor über Hydroxyd bekannt war, und die Etablierung von Hydroxylherderit als eigenständiges Mineral, der vorher eher als Varietät betrachtet wurde.

Da ein Holotyp-Exemplar existiert, muss die Definition der Spezies nach diesem Exemplar erfolgen. Ein Problem ist jedoch, dass Herderit von Ehrenfriedersdorf außerordentlich selten und dementsprechend das Originalmaterial sehr wertvoll ist, und dass das Mineral mit Beryllium und Fluor gleich zwei schwierig zu analysierende Elemente enthält. Die bisher einzige quantitative Fluor-Analyse an Material von Ehrenfriedersdorf (jedoch nicht am Typmaterial) zeigte ein Verältnis OH : F nahe 1 : 1, aber mit leichter Dominanz von Hydroxyl. Die Existenz von einem Fluor-dominantem Mineral oder auch nur von Bereichen in einem Kristall aus Ehrenfriederdorf erscheint damit möglich, müsste aber belegt werden. Sollte sich bei einer eventuellen Analyse des Typmaterials zeigen, dass auch dieses Hydroxyl-dominant ist, müsste rein formal die Spezies Herderit redefiniert und Hydroxylherderit diskreditiert werden. Dies würde dann aber auch erfordern, dass das tatsächlich Fluor-dominante Material von Brasilien, vom Yichun Granit, China und von Mogok, Myanmar, als neues Mineral definiert wird.

Ob es Herderit im Sinne von CaBePO4(F,OH) in Ehrenfriedersdorf gibt, bleibt somit gegenwärtig offen. Das einzige ausreichend analysierte Exemplar von der Typlokalität ist nach aktueller Nomenklatur als Hydroxylherderit zu bezeichnen.



Chemische Analyse von Herderit (in Masse-%)

   Herderit,
Ehrenfriedersdorf,
BREITHAUPT,
(1820) 1)  
Herderit,
Stoneham, Maine   
USA
HIDDEN &
MACKINTOSH 
(1844)   
Herderit,
Ehrenfriedersdorf,  
WEISBACH,
(1884) 4)  
Hydroxylherderit,
Ehrenfriedersdorf,  
HARLOWE &
HAWTHORNE
(2008)   
Herderit,
theoretische
Zusammensetzung     
Na2O           0.03  
CaO   Hauptbestandteil   33.21   34.06   34.99   34.39
BeO     15.76 2)     8.61  (15.54) 6)   15.34
Al2O3   Hauptbestandteil       6.58     0.01  
Fe2O3           0.01  
SiO2         1.77     0.01  
P2O5   Hauptbestandteil   44.32   42.44   43.98   43.53
F   Nebenbestandteil    11.32 3)     6.54 5)     5.71   11.65
H2O        (2.90) 6)   24.08
- O = F    - 4.76    - 2.40  - 4.91
Summe          99.84 100.00 100.76 100.00

1) Analyse von PLATTNER
2) bei den Autoren als GlO oder Gl2O3, Glucinium-Oxid
3) nicht direkt nachgewiesen, nur angenommen
4) Analyse von WINKLER
5) Differenz zu 100
6) Stöchiometrisch berücksichtigt



Literatur:
BREITHAUPT, A. (1832): Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems.- Dresden und Leipzig, Arnoldische Buchhandlung, 3. Auflage, 358 p. (p. 78)

BREITHAUPT, A. (1841): Vollständiges Handbuch der Mineralogie. Zweiter Band. Des speziellen Theils erste Abtheilung.- Dresden und Leipzig, Arnoldische Buchhandlung, 406 p. (p. 275-276)

BREITHAUPT, A. (1843): Entgegnung.- Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie 134 (Neue Folge 58, Zweite Reihe 28), 359-360

DANA, E.S. (1884): On the crystalline form of the supposed herderite from Stoneham, Maine.- American Journal of Science 77 (Third Series 27), 229-232

FLACH, S.; HOFMANN, F. & URBAN, G. (1991): Die Mineralien von Ehrenfriedersdorf.- EMSER Hefte 12/2, 35-58

FRENZEL, A. (1874): Mineralogisches Lexicon für das Königreich Sachsen.- Leipzig, Verlag von Wilh. Engelmann, 380 p. (p. 154)

GENTH, F.A. (1884): On herderite.- Proceedings of the American Philosophical Society 21, No. 116, 694-699

GLOCKER, E.F. (1833): Mineralogische Jahreshefte, Erstes und Zweites Heft, 1831 und 1832.- Nürnberg, J.C. Schrag, 165 p.

HAIDINGER, W. (1828 a): On Herderite, a new Mineral Species.- Philosophical Magazine, or Annals of Chemistry, Mathematics, Astronomy, Natural History, and General Science 4, 1-3

HAIDINGER, W. (1828 b): Ueber den Herderit, eine neue Mineralspecies.- Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie 89 (Neue Folge 13), 502-505

HAIDINGER, W. (1841): Berichtigung einer Angabe des Hrn. Prof. Breithaupt, den Herderit betreffend.- Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie 130 (Neue Folge 54), 539-544

HARLOW, G.E. & HAWTHORNE, F.C. (2008): Herderite from Mogok, Myanmar, and comparison with hydroxyl-herderite from Ehrenfriedersdorf, Germany.- American Mineralogist 93, 1545-1549

HIDDEN, W.E. (1884): On the probable occurrence of herderite in Maine. With a note from E.S. Dana.- American Journal of Science 77 (Third Series 27), 73

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© Thomas Witzke / Stollentroll

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