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Freibergit


Formel: (Ag,Fe)6Cu6Sb4S13, kubisch

Typlokalität: Freiberg, Erzgebirge, Sachsen

Erstbeschreibung:
G.A. Kenngott (1853) Das Mohs´sche Mineralsystem, p. 117





       Was ist "Weissgiltigerz" ?

Auch wenn silberhaltiges Fahlerz zweifellos schon sehr zeitig die Aufmerksamkeit der Bergleute erweckte, ist das Mineral in alten Beschreibungen vor Mitte des 19. Jahrhunderts nicht eindeutig zu identifizieren, und auch heute ist nicht alles, was als Freibergit bezeichnet wird, tatsächlich dieses Mineral. Eine Unterscheidung zwischen einem silberhaltigen Tetraedrit, silberhaltigem Tennantit, echtem Freibergit in heutigem Sinn oder engen Verwachsungen verschiedener Minerale ist damals kaum möglich gewesen und kann auch heute nur mit analytischen Methoden erfolgen.

Man kann vermuten, dass das Mineral bei Georg AGRICOLA (1546) unter dem "argentum rude album" (weißes Silbererz) mit gemeint ist. Der schwedische Chemiker und Mineraloge Johan Gottschalk WALLERIUS (1747) kennt ein "Argentum sulphure, pauco arsenico et cupro mineralisatum, minera micante, alba. Minera argenti alba. Minera florenorum alba. Argentum rude album.". Axel von CRONSTEDT (1758) gibt ein "Argentum cupro et antimonio sulphure mineralisatum" an, offenbar der erste Hinweis auf ein Silber-Kupfer-Antimon-Sulfid. ROMÉ DE L'ISLE (1783) betrachtet alle Fahlerze nur als ein Mineral "Mine de cuivre grise tenant argent, fahlertz: mine d'argent grise". WERNER & HOFMANN (1789) erwähnen "Weisgiltigerz" ohne weitere Angaben unter dem Silber-Geschlecht, "Fahlerz" wird dagegen unter dem Kupfer-Geschlecht aufgelistet.
Eine erste chemische Analyse von "Weissgiltigerz" führte Heinrich Martin KLAPROTH (1795) durch. Er unterschied dabei noch lichtes und dunkles Weissgiltigerz, ersteres ist silberreich, letzteres deutlich silberärmer. Für das lichte Weissgiltigerz von der Grube Himmelsfürst, Brand-Erbisdorf bei Freiberg, fand er Ag 22.00, Fe 2.42, Pb 51.81, Sb 8.50, S 13.21, Summe 97.94 % (+ etwas Gangart), für das dunkle Weissgültigerz von der Grube Junger Himmelsfürst gibt er Ag 9.41, Fe 1.79, Pb 41.73, Sb 21.88, S 22.39, Summe 97.20 % (+ etwas Gangart) an. Wie aus den etwa 40 - 50 % Blei in den Analysen ersichtlich, hat KLAPROTH offenbar ein Gemenge vorgelegen. Auffallend ist auch das Fehlen von Cu in den Analysen.
Der Gießener Professor Ludwig August EMMERLING (1796) führt zwar das "Weissgülden" als eigenes Mineral auf, kennt aber auch als Synonyme von Fahlerz: "Kupferfahlerz, Silberfahlerz, Fahlkupfererz, graues Kupfererz, schwarzes Kupfererz und grauliches Silbererz".
1826 fand sich auf der Hab Acht Fundgrube (später zu Beschert Glück gehörig) in Form von Tetraedern und derb zusammen mit "Bleiglanz, Kupferkies, Rothgülden, Braunspath, Manganspath, Blende, Quarz" ein Mineral, dass zunächst für kristallisiertes lichtes Weissgiltigerz gehalten wurde. August BREITHAUPT (1828) stellte es jedoch zum Fahlerz. Heinrich ROSE (1829) führte eine Analyse von dem nun zum dunklen Weissgiltig gerechneten Material durch (siehe Tabelle unten). Seine Analyse unterscheidet sich deutlich von der KLAPROTHs und stimmt statt dessen sehr gut mit der theoretischen Zusammensetzung von Freibergit überein. Seine Analyse ist offenbar die erste, die dem Mineral eindeutig zuzuordnen ist.
Der Freiberger Bergmeister C.G.A. von WEISSENBACH vermutete 1831 bereits, dass das lichte Weißgiltigerz ein Gemenge verschiedener Minerale sei. Carl Friedrich RAMMELSBERG veröffentlichte 1845 eine Analyse von einem lichten Weissgiltigerz von der Grube Alte Hoffnung Gottes, Kleinvoigtsberg bei Freiberg: Ag 5.78, Fe 3.83, Zn 6.79, Pb 38.36, Cu 0.32, Sb 22.39, S 22.53, Summe 100.00 %. Die Analyse unterscheidet sich ebenfalls deutlich von der KLAPROTHs. RAMMELSBERG hält das von ihm untersuchte Material für homogen.

       Silberfahlerz, Polytelit, Freibergit

Bereits FREIESLEBEN schrieb 1817 zum "Schwarzgültigerz, Fahlerz, Weißgiltigerz und Sprödglaserz", dass hier "bey den ältern Schriftstellern eine ungemeine Verwirrung zwischen diesen Benennungen herrschte". Daran sollte sich auch in den folgenden Jahrzehnten wenig ändern.
Johann Friedrich Ludwig HAUSMANN (1847) bezeichnet das Weissgiltigerz als Silberfahlerz. Im gleichen Jahr wählte E. F. GLOCKER (1847) für das lichte Weissgiltigerz den Namen Polytelit nach griechisch politelos = kostspielig, nach dem Silbergehalt, ohne eigene Untersuchungen an dem Material anzustellen.
Das Silberfahlerz benannte Gustav Adolf KENNGOTT (1853) schließlich Freibergit nach dem Hauptfundort. Franz von KOBELL übertrug 1853 den GLOCKERschen Namen Polytelit allerdings auch auf das Silberfahlerz. Albin WEISBACH wählte 1875 den Namen Leukargyrit für das Mineral. Durchgesetzt hat sich schließlich der Name Freibergit.

FRENZEL (1874) schreibt zum Polytelit: "Polytelit, Glocker. Weissgiltigerz, Werner. [...] Das lichte Weissgiltigerz ist vielleicht nur ein Gemenge von Bleiglanz, Federerz [= Jamesonit oder ähnliches - T.W.] und Melanglanz [= Stephanit - T.W.]". Das Material hat damit mit einem Fahlerz nichts zu tun.
An anderer Stelle schreibt FRENZEL: "Weissgiltigerz. Silberfahlerz, Hausmann. Von Kenngott Freibergit benannt. [...] Das Weissgiltigerz findet sich auf Gängen der edlen Bleiformation [...] Zu Freiberg bei Beschert Glück [...], bei Alter grüner Zweig kleine Krystallgruppen [...], Himmelsfürst derb, mit Polytelit; Herzog August; Gelobt Land; Reicher Bergsegen; Neue Hoffnung Gottes, krystallisirt in 202, mit Quarz, Miargyrit und Antimonsilberblende; Erzengel Michael zu Mohorn. [...] Das Weissgiltigerz wird nur von Zeit zu Zeit in geringen Mengen gefunden."

       Die Struktur von Fahlerz

Die Kristallstruktur des Fahlerze wurden durch PAULING & NEUMANN (1934), WUENSCH (1966) u.a. bestimmt. Danach leitet sich die Struktur von der von Sphalerit ab. Ausgehend von der Sphalerit-Zelle wird a verdoppelt, dadurch ergibt sich zunächst ein Zellinhalt von 32 Metall- und 32 Schwefel-Positionen. Von den Schwefel-Positionen sind 1/4 nicht besetzt, außerdem sind noch 2 zusätzliche Schwefelpositionen vorhanden, so dass sich insgesammt ein Zellinhalt von 26 S ergibt. Ein Viertel der Metall-Positionen sind mit Sb, As oder selten Bi besetzt und mit 3 Schwefel koordiniert. Die anderen Metallatome befinden sich je zur Hälfte in Vierer- und Dreier-Koordination. Erstere Position wird von einwertigem Cu (und seltener Hg) besetzt, letztere von einwertigem Cu, Ag und zweiwertigem Fe, Zn, Cd.
Je nachdem, ob ein Autor die Metallkationen zusammenfasst bzw. die unterschiedlich koordinierten Positionen oder die unterschiedlichen Wertigkeiten als entscheidend ansieht, finden sich dann auch unterschiedliche Formeln für Fahlerze in der Literatur und z.T. unterschiedlich definierte Minerale:
       Me12 XS13.
                 Me = Cu, Ag, Hg, Fe, Zn, Cd
                 X = Sb, As, Bi, Te
                 S = S, Se
 
       Me[4]Me[3]XS13.
                 Me[4] = Cu, Hg
                 Me[3] = Cu, Ag, Fe, Zn, Cd
                 X = Sb, As, Bi, Te
                 S = S, Se
       Me+10 Me2+XS13.
                 Me+ = Cu, Ag, Hg
                 Me2+ = Fe, Zn, Cd
                 X = Sb, As, Bi, Te
                 S = S, Se

Mit der Struktur von Freibergit haben sich speziell KALBSKOPF (1972) sowie PETERSON & MILLER (1986) beschäftigt. Das Mineral weist wie alle Fahlerze die Raumgruppe I-43m auf. Für die Elementarzelle lässt sich a = 10.610 Å angeben.

       Die Definition von Freibergit

Freibergit galt jedoch auch bis in die jüngere Zeit nicht allgemein als ein eigenständiges Mineral. FLEISCHER et al. (1975) schreiben in einem Abstract zu einer Veröffentlichung von RILEY (1974): "Freibergite has generally been considered to be an argentian tetrahedrite, (Cu,Ag,Zn,Fe)12(Sb,As)4S13. In this paper, microprobe analyses and unit cell determinations are given of 21 samples from Mt. Isa, Australia, 9 of which have Ag > Cu. [...] Freibergite is therefore not a variety, but a species of the tetrahedrite group, with Ag > Cu." STRUNZ (1978) führt Freibergit noch als Varietät von Tetraedrit.
In der von der IMA herausgegebenen Liste der Minerale (NICKEL & NICHOLS, 2007) wird Freibergit als "Grandfathered" geführt und die Formel Cu6(Ag,Fe)6Sb4S13 angegeben.

Literatur:
BREITHAUPT, A. (1828) Jahrbuch für den Berg- und Hüttenmann, p. 139

CRONSTEDT, A. VON [das Buch ist ohne Verfasserangabe erschienen] (1758): Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning.- Stockholm, p. 156-157, 175 (zit. in HINTZE, 1904)

EMMERLING, L.A. (1796): Lehrbuch der Mineralogie.- Giessen, Bd. 2, p. 195, 283 (zit. in HINTZE, 1904)

FLEISCHER, M.; CHAO, G.Y. & KATO, A. (1975): New mineral names.- American Mineralogist 60, 485-489

FREIESLEBEN, J.C. (1817): Beschreibung einiger in meiner Mineraliensammlung befindlichen merkwürdigen sächsischen Fossilien, nebst historischen und geognostischen Bemerkungen über dieselben. Schilf-Glaserz.- Geognostische Arbeiten 6, Beyträge zur Mineralogischen Kenntniß von Sachsen, zweyte Lieferung, 97-101

FRENZEL, A. (1874): Mineralogisches Lexicon für das Königreich Sachsen.- Leipzig, Verlag von Wilh. Engelmann, p. 238-239 und 317-318

GLOCKER, E.F. (1847): Generum et Specierum Mineralium Secundum Ordines Naturales digestorum Synopsis.- Halle, p. 31

HAUSMANN, J.F.L. (1847): Handbuch der Mineralogie, 2. Auflage, 3 Bände (1828-1847), p. 179

KALBSKOPF, R. (1972): Strukturverfeinerung des Freibergits.- Tschermaks Mineralogische und Petrografische Mitteilungen 18, 147-155

KENNGOTT, G.A. (1853) Das Mohs´sche Mineralsystem, p. 117

KOBELL, F. von (1853) Taf. Best., p. 10 (zit. in HINTZE, 1904)

NICKEL, E.H. & NICHOLS, M.C. (2007): IMA/CNMNC List of Mineral Names, http://www.geo.vu.nl/users/ima-cnmmn/MINERALlist.pdf

PAULING, L. & NEUMAN, E.W. (1934): The crystal structure of binnite.- Zeitschrift für Kristallographie 88, 54-62

PETERSON, R.C. & MILLER, I. (1986): Crystal structure and cation distribution in freibergite and tetrahedrite.- Mineralogical Magazine 50, 717-721

RILEY, J.F. (1974): The tetrahedrite-freibergite series, with reference to the Mount Isa Pb-Zn-Ag orebody.- Mineralium Deposita 9, 117-124

ROMÉ DE L'ISLE, J.B.L. (1783): Cristallographie, ou Description des formes propres à tous les corps du Regne mineral.- Paris, Vol. 3, 315 (zit. in HINTZE, 1904)

ROSE, H. (1829) Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie 15, 576

STRUNZ, H. (1978): Mineralogische Tabellen.- Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft Geest & Portig

WALLERIUS, J.G. (1747): Mineralogia, eller Mineralriket. Übers. von DENSO 1750 (zit. in HINTZE, 1904)

WEISBACH, A. (1875): Synopsis Mineralogica. Systematische Übersicht des Mineralreiches.- Freiberg, J.G. Engelhardtsche Buchhandlung, p. 62

WEISSENBACH, C.G.A. von (1831) Über die Gehalte der beim sächsischen Bergbau vorkommenden Silbererze.- Jahrbuch für den Berg- und Hüttenmann, p. 233 ff

WERNER, A.G. & HOFFMANN, C.A.S. (1789): Mineralsystem des Herrn Inspektor Werners mit dessen Erlaubnis herausgegeben von C.A.S. Hoffmann.- Bergmännisches Journal 2, Band 1, 369-398

WUENSCH, B.J. (1964): The crystal structure of tetrahedrite, Cu12Sb4S13.- Zeitschrift für Kristallographie 119, 437-453




Chemische Analysen von Freibergit (in Masse-%)

    "Weissgiltig"   
  Hab Acht Fundgrube,   
  Zug bei Freiberg,
  (H. ROSE, 1829)
  Freibergit,
  theoretische
  Zusammensetzung    
  Ag   31.29   33.49
  Cu   14.81   19.73
  Fe     5.98  
  Zn     0.99  
  Sb   24.63   25.20
  S   21.17   21.58
  Summe       98.87 100.00





© Thomas Witzke / Stollentroll

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