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THÜRINGEN
SACHSEN-ANHALT


Chlorargyrit


Formel: AgCl, kubisch

Typlokalität: Marienberg und Freiberg, Erzgebirge, Sachsen

Erstbeschreibung:
J. Kentmann (1565) Nomenclaturae Rerum fossilium, que in Misnia praecipue, & in alijs quoque regionibus inueninuntur.- Tiguri, p. 62.
     (als "Argentum cornu pellucido simile" = hornfarbiges Silber)
G. Fabricius (1565): De Metallicis rebus ac nominibus observationes variae.- Tiguri, p. 6 - 7
     (als "Argentum rude iecoris colore ... lucem corneum habens" = leberfarbenes, hornartiges Silbererz)
A. Weisbach (1875): Synopsis Mineralogica. Systematische Übersicht des Mineralreiches.- Freiberg, p. 37
     (Benennung als "Chlorargyrit", ohne eigene Untersuchung)




Hellbräunliche Kristalle von Chlorargyrit. Grube St. Georg, Schneeberg, Erzgebirge, Sachsen. Bildbreite 8,5 mm. Sammlung und Foto Thomas Witzke.



Das Mineral wird erstmals eindeutig bei Johannes KENTMANN (1565) und Georg FABRICIUS (1565) in einem von Conrad GESNER zusammengestelltem Kompendium beschrieben. Merkwürdigerweise ist es bei den von AGRICOLA 1530 erwähnten Silbererzen nicht sicher zuzuordnen und nicht näher beschrieben. Sein "Argentum purpureum" wird wahrscheinlich dem Chlorargyrit entsprechen.
Johannes KENTMANN (1565) listet es in seinem Mineralkatalog unter "Argentum, Flavi coloris" von Marienberg im Erzgebirge als
"Cornu pellucido simile, Marienbergium: candelae admotum liquescit.
Ein durchsichtig hornfarbs gediegen silber / das am lichte verschmiltzt."
Bei Georg FABRICIUS (1565) wird es wie folgt beschrieben:
"Color autem eius quidam translucidus est, ut argenti rudis rubri et argenti rudis iecoris colore: illud rubino gemmae simile, hoc lucem corneam habet, et est prope modum simile sardae. [...] Rariores autum colores sunt, iecoris, quod olim Freibergi, nunc Marienbergi tantum effossum est in dimenso tertio ..."
FABRICIUS beschreibt hier ein durchsichtiges/durchscheinendes Silbererz von Leberfarbe, das hornartig aussieht und dem Sarder ähnlich ist (während ein rotes durchsichtiges Silbererz dem Rubin ähnlich sieht). Es kam früher in Freiberg vor und findet sich jetzt in Marienberg. Im weiteren Text erwähnt FABRICIUS auch, dass man es zu Kunstwerken schnitzen kann. Als deutsche Charakterisierung für das "Argentum iecoris colore" gibt er bei den Silbererzen "Läberfarben ertz" an.
MATTHESIUS (1585) beschreibt das Mineral als Glaserz, "durchsichtig wie ein Horn in einer Latern, und schmilzt am Lichte". Dieses Glaserz hat nichts mit dem Glaserz = Acanthit/Argentit zu tun. Die Bezeichnung Glaserz für letzteren ist auf die Wurzel Glanz- statt Glas- zurückzuführen.
Auch Petrus ALBINUS (1589/1590) befasst sich mit dem Mineral: "Nach diesem ist noch seltsamer das grüne Silber Ertz / wie es auffm Schneberg und auff S. Annaberg gebrochen. So schreibt auch Matthesius / er habe ein breunlicht Ertz von Himmlischen Heer gesehen / welches nach dem schnit allerst grün worden. Solches grünes Glaß Ertzes / wie es eins theils nennen / so auff S. Georgen auffm Schneberg gebrochen / hab ich auch ein Stufflein in zimlicher gröse eines Thalers breit / in einer grossen Schawstuffen auffm Schneberg geseht. Wie auch sonsten daselbs ein derb Leberfarb Ertz gebrochen / daraus man Bilde geschnitten."

Das Mineral erhält in der Folgezeit zahlreiche Namen, von denen hier nur einige angegeben werden sollen. Bei WALLERIUS 1747 findet es sich als "Argentum sulphure & arsenico mineralisatum, minera malleabili vitrea, candelæ igne liquabili". LINNÉ führt es 1748 unter der Bezeichnung "Argentum diaphanum lamellosum" und "Hornerz". Letzterer Name ist recht verbreitet und findet sich auch bei WERNER & HOFFMANN (1789). Bei ROMÉ de l'ILSLE (1772) findet es sich als "Mine d'argent cornée". HAUSMANN (1813) verwendet die Bezeichnung "Hornsilber". Bei BREITHAUPT (1823) als "Silber-Hornerz". MOHS (1824) führt es als "Hexaedrisches Perl-Kerat", NAUMANN (1828) als "Chlorsilber", GLOCKER als "Silberhornspath", "Chlorsilberspath", "Silberspath" und schließlich als "Argyroceratites". Ähnliche, von griechisch keras = Horn und argyros = Silber abgeleitete Bezeichnungen wie "Kerargyre" finden sich bei BEUDANT (1832), oder "Kerargyrite" bzw. "Cerargyrite" bei DANA (1855 und 1868) (nach HINTZE, 1915). Den heute gebräuchlichen Namen Chlorargyrit führte Albin WEISBACH 1875 ein.

Erste Angaben zur Zusammensetzung gibt es bei WALLERIUS (1747, deutsch von DENSO 1750), "hält viel Schwefel, wenig Arsenik und zu 2/3 Silber". Kurz darauf erkennt CRONSTEDT (1758) es als "Argentum acido salis mineralisatum", als ein salzsaures Silber. LOMMER (1776) vermutete in dem reinen Hornerz bis zu 28 % Silber und in dem violetten Hornerz noch einen "alkalisirten Schwefeltheil". KLAPROTH (1795) analysierte Proben von Johanngeorgenstadt und anderen Fundorten (siehe Tabelle), darunter auch Material von einer großen, mehrere Pfund schweren Stufe aus dem Erzgebirge im "churfürstlichen Mineralienkabinett zu Dresden". Er erkannte auch, dass das "Buttermilcherz" ein Hornerz "in erdichter Gestalt mit Thonerde gemengt" sei. Bei BERZELIUS (1814) führt unter den "Salzsauren Verbindungen" das "Hornerz, Murias argenticus. Dieses ist AgO2 + 2 MO2." Muriatische Säure ist eine Bezeichnung von LAVOISIER für die Salzsäure, das 'M' in der Formel steht für Chlor. BERZELIUS hielt das Mineral noch für eine sauerstoffhaltige Verbindung.

Als Kristallform gibt ROMÉ de L'ILSLE (1772) für das Mineral nur einfache Würfel (aus Johanngeorgenstadt) an, daneben auch tafelige und säulige Ausbildungen. MOHS (1824) führt als einfache Formen Würfel, Oktaeder und Rhombendodekaeder sowie Kombinationen von Würfel und Oktaeder bzw. Würfel und Rhombendodekaeder an. Andere Formen sind offenbar sehr selten.

Vor allem im 16. Jahrhundert wurde das Mineral in Sachsen in größeren Massen gefunden, als man die oberen Teufen abbaute. Es sind Massen bis mehrere Pfund bekannt. Die bedeutendsten Fundorte waren Johanngeorgenstadt, Schneeberg, Freiberg, Annaberg und Marienberg. HINTZE (1915) erwähnt ein 4 kg schweres Exemplar von der Grube Gotthelf Schaller in Johanngeorgenstadt und ein 10 kg schweres von Himmlisch Heer in Annaberg.


Literatur:
AGRICOLA, G. (1530): Bermannus sive de re metallica.- Basel

ALBINUS, P. (1589/1590): Meißnische Land und Bergchronica.- Dresden, p. 128

BERZELIUS, J.J. (1814): Versuch, ein rein wissenschaftliches System der Mineralogie zu begründen.- Journal für Chemie und Physik, p. 17-62 (speziell p. 24)

BREITHAUPT, A. (1823): Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems.- Dresden, 2. Aufl., p. 287

DANA, J.D. (1868): A system of mineralogy.- New York, 5th ed., p. 114

CRONSTEDT, A. VON [das Buch ist anonym ohne Verfasserangabe erschienen] (1758): Försök til Mineralogie eller Mineral Rikets Upställning.- Stockholm, p. 159

FABRICIUS, G. (1565): De Metallicis rebus ac nominibus observationes variae.- Tiguri (Zürich), p. 6 - 7 und 10. In: GESNER, C. (1565): De omni rerum fossilium genere, gemmis, lapidibus metallis, et huiusmodi, libri aliquot, plerique nunc primum editi.- Tiguri

HAUSMANN, J.F.L. (1813): Handbuch der Mineralogie.- Göttingen, 3. Band, p. 1010

HINTZE, C. (1915): Handbuch der Mineralogie, Band I, 2. Abteilung.- Leipzig

KENTMANN, J. (1565): Nomenclaturae Rerum fossilium, que in Misnia praecipue, & in alijs quoque regionibus inueninuntur.- Tiguri (Zürich), p. 62. In: GESNER, C. (1565): De omni rerum fossilium genere, gemmis, lapidibus metallis, et huiusmodi, libri aliquot, plerique nunc primum editi.- Tiguri

KLAPROTH, H.M. (1795): Chemische Untersuchung der Silbererze. Erster Abschnitt. Hornerz.- Beiträge zur Chemischen Kenntnis der Mineralkörper 1, 125-141 [als PDF-File (externer Link zu Google Books)]

LINNÉ, C. (1748): Systema Naturæ sistens regna tria naturæ, in classes et ordines, genera et species, redacta tabulisque æneis illustrata.- Lipsiæ, Godofr. Kiesewetteri, p. 183

LOMMER (1776): Abhandlung vom Hornerz.- Leipzig (nach HINTZE, 1915)

ROMÉ de L'ILSLE, J.B.L. (1772): Essai de Cristallogr., 368 (nach HINTZE, 1915)

MATTHESIUS, J. (1585): Sarepta oder Bergpostill (nach HINTZE, 1915)

MOHS, F. (1824): Grundriss der Mineralogie.- Vol. II, p. 172

WALLERIUS, J.G. (1747): Mineralogia, eller Mineralriket. Übers. von DENSO 1750 (zit. in HINTZE, 1915)

WEISBACH, A. (1875): Synopsis Mineralogica. Systematische Übersicht des Mineralreiches.- Freiberg, J.G. Engelhardtsche Buchhandlung, p. 37

WERNER, A.G. & HOFFMANN, C.A.S. (1789): Mineralsystem des Herrn Inspektor Werners mit dessen Erlaubnis herausgegeben von C.A.S. Hoffmann.- Bergmännisches Journal 2, Band 1, 369-398



Chemische Analyse von Chlorargyrit (in Masse-%)

    Hornerz,
  Erzgebirge
  (KLAPROTH, 1795)  
  Chlorargyrit,
  theoretische
  Zusammensetzung     
  Ag   67.75   75.27
  Cl   27.50   24.73
  Fe2O3     6.00  
  Al2O3     1.75  
  SO3     0.25  
  Summe     103.25 100.00






Hellbräunliche Kristalle von Chlorargyrit. Grube St. Georg, Schneeberg, Erzgebirge, Sachsen. Bildbreite 7 mm. Sammlung und Foto Thomas Witzke.





Bräunlicher Chlorargyrit. Grube Segen Gottes, Gersdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen, Deutschland. Größe der Stufe 3 cm. Sammlung und Foto Thomas Witzke.






Johannes Kentmann (1518-1574)

Arzt und Naturforscher

Der Arzt und Naturforscher Johannes Kenntmann wurde am 21. April 1518 in Dresden als Sohn von Christoph und Martha Kentmann geboren. 1540 begann er ein Medizinstudium in Leipzig, dass er hier 1546 nach weiteren Studien in Wittenberg und Nürnberg als Magister artium beendete. Im folgenden Jahr begann er eine Studienreise nach Italien und führte ihn unter anderem nach Padua und Bologna. Seine Bekanntschaft mit dem Vorsteher des Botanischen Gartens von Padua förderte sein Interesse in Naturgeschichte sehr stark. 1549 promovierte er zum Doktor der Medizin in Bologna. Ende des Jahres kehrte er zurück und besuchte dabei noch Conrad Gesner in Zürich. 1550 wurde er Stadtphysikus an der Fürstenschule St. Afra in Meißen, 1554 Stadtphysikus in Torgau. Diese Stellung hatte er bis zu seinem Tod am 14. Juni 1574 inne.
In seinen Werken beschäftigte sich Johannes Kentmann mit der Botanik, Medizin und Mineralogie. Berühmt ist sein für Kurfürst August 1563 zusammengestelltes „Kreutterbuch“, das etwa 600 von dem Torgauer Künstler David Redtel angefertigte Illustrationen verschiedener Pflanzen enthält. Weitere Schriften Kenntmanns befassen sich mit dem Verhalten bei Pestseuchen sowie Steinen im menschlichen Körper. Kenntmanns Interesse galt auch den Mineralen und Gesteinen. Er stellte eine umfangreiche Sammlung zusammen, die im wesentlichen nach Agricolas System geordnet war. Sein 1565 in einem von Conrad Gesner herausgegebenem Kompendium veröffentlichter Katalog mit 1608 Exemplaren ist die erste erhaltene vollständige Darstellung einer Mineral- und Gesteinssammlung.






Georg Fabricius (1516-1571)

Historiker, Chronist, Dichter

Georg Fabricius wurde am 23. April 1516 in Chemnitz als Sohn eines Goldschmieds geboren. Er besuchte zunächst die Lateinschule in Chemnitz und wurde 1534 Schüler des Johannes Rivius in Annaberg. Im Wintersemester 1535 immatrikulierte er sich an der Universität Wittenberg, wechselte 1538 an die Universität Leipzig und war dann lehrer in Chemnitz und Freiberg. 1539 unternahm er eine Reise durch Italien und machte bis 1543 flächendeckende Studien der römischen Altertümer. 1544 wurde er Hauslehrer in Straßburg und auf Schloss Beichlingen bei seinem Gönner Wolfgang von Werthern. 1546 wurde er zum Rektor der 1543 gegründeten Fürstenschule St. Afra in Meißen ernannt, ein Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte. Neben Latein und der Dichtkunst interessierte er sich auch für die Naturwissenschaften, er war mit Georg Agricola befreundet und besuchte sächsiche Bergwerke, befasste sich mit einem botanischen Garten und den in der Elbe vorkommenden Fischen. 1549 publizierte er eine erste Auswahl römischer Inschriften, wobei er sich besonders auf die juristischen Texte konzentrierte. 1565 erschien ein naturwissenschaftliches Werk und 1569 seine Annalen der Stadt Meißen. Nach seinem Tod setzte Petrus Albinus die Arbeiten daran fort. Fabricius veröffentlichte auch zahlreiche Gedichte. 1570 wurde er auf dem Reichstag zu Speyer von Kaiser Maximilian II zum poeta laureatus gekrönt. Am 17. Juli 1571 starb Georg Fabricius in Meißen.
(Text nach Wikipedia und Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 6, S. 510-514)





© Thomas Witzke / Stollentroll

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