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Argyrodit Formel: Ag8GeS6, orthorhombisch Typlokalität: Grube Himmelsfürst, Brand-Erbisdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen Erstbeschreibung: A. Weisbach (1886): Argyrodit, ein neues Silbererz.- Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie, II. Band, 67-71 |
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Argyrodit in undeutlichen Kristallen. Grube Himmelsfürst, Brand-Erbisdorf bei Freiberg, Erzgebirge, Sachsen. Bildbreite 4 mm. Sammlung und Foto Thomas Witzke. | |||||||||||||||||||||||||
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Die Entdeckung von Argyrodit Mitte September 1885 zeigte sich auf der halbelften Gezeugstrecke 460 m unter Tage auf einem Kreuz des Silberfund Stehenden mit einem unbenannten Spatgang in der Grube Himmelsfürst in Brand-Erbisdorf bei Freiberg ein Anbruch mit Silbererz. Eines der Erze zog die Aufmerksamkeit von Betriebsdirektor NEUBERT auf sich, der es an Herrn WAPPLER, Vorstand der bergakademischen Mineralienniederlage, zur Begutachtung schickte. NEUBERT meinte, dass das Erz zwar einige Ähnlichkeit mit dem Silberkies aufweist, aber doch von ihm abzuweichen scheint. Albin WEISBACH (1886) [als PDF-File (640 KB)] schreibt weiter dazu: "Herr Factor Wappler überzeugte sich ebenfalls von diesen Abweichungen und übergab desshalb behufs chemischer Untersuchung eine Probe Herrn Oberbergrath Th. Richter. Derselbe stellte als Hauptbestandtheile Silber und Schwefel fest, fand aber ausserdem, und zwar mit voller Entschiedenheit, etwas Quecksilber. Die Gegenwart des letzteren Metalles erschien recht bemerkenswerth, da von ihm in keinem der Freiberger Erze bisher jemals eine Spur bemerkt worden war. Herr Wappler hatte die Güte, mir von dem neuen Funde nach meinem damaligen Aufenthaltsorte, Eisenerz in der Steiermark, Mittheilung zu machen und bei meiner Rückkehr nach Freiberg eine grössere Anzahl Stufen des Himmelsfürster Anbruchs zu übergeben. Ich wurde so in den Stand gesetzt, in der Sitzung unseres hiesigen Bergmännischen Vereins vom 1. October [1885 – T.W.] eine kurze Characteristik des neuen in einigen Exemplaren in Umlauf gesetzten Minerals, welchem meinerseits der Name Argyrodit beigelegt ward, geben, sowie am 15. October den Vereinsmitgliedern ein die Krystallform des Argyrodit darstellendes Holzmodell vorzeigen zu können. Die Charactere des Silbererzes sind nun folgende: Metallischer Glanz. Farbe: auf Krystallflächen stahlgrau, auf frischem Bruche ins Röthliche geneigt [...], mit der Zeit mehr violett werdend [...]. Grauschwarzer, schimmernder Strich; gestrichene Stellen ziemlich glänzend. Opak. H = 2½. G = 6,085 (15°C.) nach Th. Richter, 6,093 – 6,111 (12°C.) nach meinen Wägungen. Spröd, ins Milde geneigt. In Krystallen, keine Spaltbarkeit zeigend, und in derben Massen von dichtem, bisweilen flach muschligem Bruche. Die Kryställchen sind sehr klein, indem die einzelnen Kanten meist weit unter 1 mm. Länge bleiben. Die Kleinheit erschwerte etwas die krystallographische Bestimmung, noch mehr aber der Umstand, dass die Individuen niemals einzen auftreten, sondern zu rundlichen und zwar warzigen, nierigen, zapfenförmigen Formen gruppirt erscheinen und sich so wechselseitig verdecken. [...] Das System ist monoklin. [...] Achsenelemente: a : b : c (Klinoaxe : Orthoaxe : Hauptaxe) = 1 : 1,67 : 0,92. Achsenschiefe B = 70°. [...] Bisweilen hat man Gelegenheit Zwillinge und Drillinge zu bemerken. [...] Als Begleiter unseres Minerals erscheinen Eisenspath (z. Th. mit Eindrücken, vielleicht von Schwerspath abstammend), Zinkblende, Bleiglanz, Kupferkies, Pyrit, in grösster Menge aber Markasit, z. Th. in Varietät Speerkies. Auf diesen Mineralien sitzen dann die edlen Silbererze, und zwar in der Altersfolge Argentit, Pyrargyrit, Argyrodit, Polybasit, Stephanit. Gewöhnlich sitzt der Argyrodit unmittelbar auf Markasit, doch wurde an einigen Stufen auch die umgekehrte Succession beobachtet. Was die chemische Zusammensetzung anlangt, so hatte wie oben erwähnt schon Th. Richter Silber und Schwefel als Hauptbestandtheile erkannt, auch den Silbergehalt nach zwei übereinstimmenden Lötrohrproben zu 73½ % bestimmt. College Cl. Winkler gelangte dann im Mittel zahlreicher Versuche auf 75 Silber und 18 Schwefel, somit auf einen Verlust von 7 %. Dieser Verlust, lange Zeit hindurch unerklärlich bleibend, führte im Verfolge weiterer ausgedehnter Untersuchungen schliesslich auf die Entdeckung eines neuen Elementes, welches, in seinen Eigenschaften dem Arsen, bez. Antimon nahe stehend, vom Entdecker WINKLER am 1. Februar Germanium genannt worden ist." WEISBACH hatte den Argyrodit zunächst als monoklin beschrieben. Später kam er nach Untersuchung etwas besserer Exemplare zu dem Schluss, dass orthorhombische Symmetrie vorliegt (WEISBACH, 1894 [als PDF-File (421 KB)]). 1893 beschrieb PENFIELD (nach FRENZEL, 1900 a) von Potosi in Bolivien ein Mineral, dass chemisch dem Argyrodit entspricht, aber kubisch kristallisiert, und nannte es Canfieldit. WEISBACH kam darauf zu dem Ergebnis, dass die bei der Vermessung an den schlecht ausgebildeten Kristallen von der Grube Himmelsfürst gewonnenen Daten auch mit kubischer Symmetrie vereinbar sind (WEISBACH, 1894). PENFIELD zog darauf den Namen Canfieldit für das bolovianische Material zurück und übertrug ihn auf ein wenig später in La Paz, Bolivien, gefundenen Zinn-Analogon von Argyrodit. Bemerkenswert ist, mit welcher Schnelligkeit Albin WEISBACH den Argyrodit beschrieb. Mitte September 1885 wurde das Mineral gefunden und bereits am 1. Oktober stellte er es unter dem Namen Argyrodit vor. Auch Clemens WINKLER arbeitete außerordentlich schnell, denn am 1. Februar 1886 präsentierte er schon das neue Element Germanium (WINKLER, 1886 a und b). Germanium - ein neues Element Bei seinen Untersuchungen ging Clemens WINKLER zunächst davon aus, dass das neue Element, welches sich der Analyse entzog, mit Arsen und Antimon verwandt sei. Er vermutete deshalb, dass es ein wasserlösliches Sulfosalz bildet, wenn man das Mineral mit Schwefel und Natriumcarbonat aufschmilzt und die Lösung ansäuert. Dies führte zunächst nicht zum Erfolg. Nach komplizierten Trennungen gelang es ihm, Germaniumsulfid auszufällen. Bei den Analysen zeigte sich auch, dass das neue Element nicht mit Arsen und Antimon verwandt und nicht MENDELEJEFFs Eka-Antimon ist, sonderm das vorhergesagte Eka-Silizium darstellt. Dmitri MENDELEJEFF (Mendeleev) hatte das Element 1869 in seiner Tabelle der chemischen Elemente mit dem Atomgewicht 70 vorhergesagt und 1871 eine Dichte von 5,5 g/cm3 und eine graue Farbe prognostiziert. WINKLER (1886 b) fand eine Dichte von 4,469 und eine grauweiße Farbe für das Element. Das Ergebnis seiner Analysen ist in der Tabelle unten dargestellt. FRENZEL (1900 b) [als PDF-File (831 KB)] schreibt zur Entdeckung des Germaniums: "Die Auffindung des neuen Elementes erregte nicht nur großes Interesse der Neuheit wegen, sondern viel mehr noch deshalb, weil das Germanium sich als das Ekasilicium Mendelejeff’s herausstellte, welches der russische Chemiker in seinem 'Periodischen System der Elemente' nach seinen Eigenschaften schon im Voraus geschildert hatte. Die Wissenschaft feierte einen Triumph und schrieb mit unvergänglichen Lettern in ihre Annalen ein die Namen Mendelejeff und Winkler." Plusinglanz Die Beschreibung des Argyrodits durch WEISBACH 1886 ist jedoch nicht die erste, wie sich später herausstellte. BREITHAUPT hatte 1832 in seiner Charakteristik des Mineralsystems den "Plusinglanz" kurz vorgestellt: "Farbe mittel zwischen eisenschwarz und und schwärzlichbleigrau. Anscheinend hemirhombische Combinationen, meist als Drusenhaut. Spaltbar in mehreren, jedoch nicht ganz deutlichen Richtungen. Bruch uneben. Härte 3. Milde. Spec. Gewicht 6.189 bis 6.244. Von Simon Bogner’s Neuwerk bei Freiberg". Kurz vorher hatte bereits VON WEISSENBACH (1831) etwas ausführlichere Angaben veröffentlicht: "Ob ein auf Simon Bogner’s Neuwerk Fdgr. bei Freiberg über dem Thelersberger Stollen auf dem Segen Gottes Stehenden im Jahr 1820 vorgekommenes Silbererz dem Eugenglanz [= Polybasit – T.W.] angehöre, oder eine eigene neue Silbergattung sei, in welchem letzteren Falle Herr Professor Breithaupt den Namen Plusinglanz (von plousios [im Original in griechischen Buchstaben – T.W.], reich) dafür vorgeschlagen hat, bedarf noch weiterer Bestätigung. Er hat ganz das äussere Ansehen vom Melanglanze [= Stephanit – T.W.], bildet jedoch eine Drusenhaut, deren Krystalle weder mit den Gestaltreihen des Eugen- noch mit denen des Melanglanzes übereinstimmen, vielleicht sogar dem hemiprismatischen (Mohs) oder hemirhombischen (Breithaupt) Krystallsysteme angehören. Es sitzen deutliche Krystalle von Eugenglanz mit darauf. Spec. Gewicht = 6.189 bis 6.244 von verschiedenen Bruchstücken derselben Druse, welche dann nach der Lötrohrprobe 75.3 und 76.0 Procent Silber, aber kein Kupfer enthielten". Unter den Stücken der Reviersammlung des königlichen Bergamtes fanden sich bei der Neuordnung durch Oberbergrat Heucke drei als "Plusinglanz" etikettierte Exemplare, die durch FRENZEL begutachtet wurden. Zwei hatte bereits FREIESLEBEN als "Schalenblende" erkannt, das dritte erwies sich als echter "Plusinglanz" BREITHAUPTs (FRENZEL, 1900 a). "Das Stück Plusinglanz hat ein Gewicht von 75 Gramm, ist von reinster Beschaffenheit und trägt nur einige winzige Partikelchen von Schwefelkies. [...] Von Farbe ist der Plusinglanz eisenschwarz, auf frischen Bruch eisenschwarz bis schwärzlichbleigrau. Er zeigt durchaus keine Aehnlichkeit mit dem Himmelsfürster Argyrodit [...]. Wenn auch die äusseren Kennzeichen des Plusinglanzes Uebereinstimmung mit dem Argyrodit zeigten, so musste doch der chemische Nachweis von der Gleichheit erbracht werden, und Herr Oberbergrath Heucke hatte die Güte, eine geringe Partie des wertvollen Materials der Wissenschaft zum Opfer zu bringen. [...] Herr Professor Kolbeck hatte die Güte, den Plusinglanz zu prüfen und zu vergleichen mit dem Himmelsfürster Argyrodit. Die Prüfung ergab für beide Vorkommen eine völlige Gleichheit. An der übriggebliebenen kleinen Menge bestimmte ich noch den Silbergehalt zu 76.23 Procent. So war auch der chemische Nachweis erbracht und Gewissheit vorhanden, dass der hochinteressante Argyrodit bereits im Jahre 1821 in Freiberger Sammlungen gelangte und als 'Plusinglanz' ein unbeachtetes Dasein führte". FRENZEL (1900 b) [als PDF-File (831 KB)] schreibt weiter zum Plusinglanz: "Die Lötrohrbestimmungen [bei VON WEISSENBACH, 1831 – T.W.] rühren von Plattner her, welcher ausgezeichnete Chemiker zwei neue Elemente in den von ihm untersuchten Mineralien unter seinen Händen hatte, ohne sie zu erkennen, nämlich das von Bunsen und Kirchhoff 1861 entdeckte Cäsium im Pollux von Elba und das von Winkler 1886 entdeckte Germanium im Plusinglanz von Freiberg". Die Grube Simon Bogners Neuwerk in Brand-Erbisdorf bei Freiberg ist später mit den Gruben Unterhaus Sachsen und Reicher Bergsegen zur Grube Vereinigt Feld konsolidiert worden (FRENZEL, 1900 b). Literatur: BREITHAUPT, A. (1832): Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems, p. 277 FRENZEL, A. (1900 a): Argyrodit ist Breithaupt's Plusinglanz.- Tschermaks Mineralogische und Petrographische Mitteilungen 19, 244-245 FRENZEL, A. (1900 b): Über den Plusinglanz.- Jahrbuch für das Berg- und Hüttenwesen im Königreiche Sachsen, Abhandlungen, 61-66 [als PDF-File (831 KB)] MENDELEJEFF, D. (1869): Über die Beziehungen der Eigenschaften zu den Atomgewichten der Elemente.- Zeitschrift für Chemie 12, 405-406 WEISBACH, A. (1886): Argyrodit, ein neues Silbererz.- Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie, II. Band, 67-71 [als PDF-File (640 KB)] WEISBACH, A. (1894): Ueber den Argyrodit.- Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie, I. Band, 98-99 [als PDF-File (421 KB)] WEISSENBACH, VON (1831) Kalender für den Sächsischen Berg- und Hüttenmann, p. 226 (nach FRENZEL, 1900 a) WINKLER, C. (1886 a): Germanium, Ge, ein neues nichtmetallisches Element.- Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft 19, 210-211 WINKLER, C. (1886 b): Über das Germanium.- Journal für praktische Chemie 142 (N.F. 34), 177-229 Chemische Analyse von Argyrodit (in Masse-%)
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D. Mendelejeff (links), der das Element Germanium vorhersagte, und C. Winkler, der es in dem Mineral Argyrodit fand. |
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